Dienstag, 22.05.2012 |

 

16.05.2006 19:28 Uhr | 32x gelesen
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Messias mit Ängsten und Zweifeln


Regensburg (DK) Nun, ein Sakrileg ist es heute sicher nicht mehr, Jesus als Held einer Jugendbewegung, als modernen Messias mit Ängsten und Zweifeln und seine Jünger als Großstadtclique auf die Bühne zu bringen. Fast schon nostalgisch mutet heute – wo andere vermeintliche Aufreger einen Teil des Kirchenvolks umtreiben – Andrew Lloyd Webbers "Rock-oper" an, dabei aber erstaunlich zeitlos und frisch. Gerhard Platiels Produktion am Regensburger Theater setzt, der Musik durchaus angemessen, auf das große Spektakel, bewegt auf der mit beweglichen Stahlsäulen immer neu begrenzten Bühne (Walter Perdacher) ein riesiges Personal, Ballett inbegriffen. Ein munteres "Heysanna, Hosanna" auf den Lippen wedeln sie einem Superstar mit Palmzweigen zu, der sie freilich mit seinen Ausblicken auf höhere Wahrheiten immer wieder vor den Kopf stößt.


In dem Skeptiker Judas hat er einen Gegenpart, der schnell merkt, dass er nur der Spielball in einer Heilsgeschichte ist, die ihn außen vor lässt. Schade, dass der sängerisch überwältigende Previn Moore die deutschen Gesangstexte nicht deutlicher zu artikulieren vermag. Den schurkischen Hohepriestern hilflos ausgeliefert, erfüllt er seine Verräterrolle und zerbricht daran. Die Auflösungserscheinungen unter den Jüngern, die sich schon beim Letzten Abendmahl (stilecht aus McDonald’s-Tüten serviert) andeuten, setzen sich im Garten Gethsemane fort, wo Jesus allein gelassen mit seiner Bestimmung ringt. Chris Murray ist der Musical-Profi, den es braucht, um eine solche Szene bei allem Pathos zu beglaubigen. Stimmlich ist er den Anforderungen spielend gewachsen, belässt es aber nicht beim Abliefern der Nummer, sondern bringt Persönlichkeit, Ausdruckstiefe ein.

Auch im Regensburger Ensemble kommt man mit den mal sentimentalen, mal rockigen Anforderungen gut zurecht: Martin-Jan Nijhof hat als Hells-Angels-Pilatus einen wunderbaren Auftritt auf einer Harley und singt sowohl diesen vorahnenden Traum als auch die von Lloyd Webber erstaunlich kompromisslos auskomponierte Gerichts- und Peitschigungsszene mit beispielloser Kraft aus. Ilonka Vöckel findet in Maria Magdalenas Hit (in der deutschen, nicht immer sonderlich gelungenen Version: "Wie soll ich ihn denn lieben") eine gute Balance zwischen klassischer vokaler Kontrolle und poppig balladesken Aufschwüngen.

Motor der mitreißenden, die Regensburger Musical-Gemeinde in Trance versetzenden Aufführung war zweifellos die Piu-Piu-Band unter Joseph Traftons mitunter etwas zu flotten Leitung. Da heulte die verzerrte Stromgitarre genüsslich auf, die Bläser lieferten glamourösen Funk und aus den Keyboards strömte das leicht angestaubte, aber liebenswürdige Wabern der 70er Jahre. Ein brillanter Einfall war es schließlich, die auch szenisch äußerst konzentrierte Kreuzigung mit einer musikalischen Collage zu unterlegen. Das "Crucifixus" aus Bachs h-Moll-Messe, "Siegfrieds Tod" aus der "Götterdämmerung" und der Trauermarsch aus der "Eroica" vermischten sich mit Lloyd Webbers pseudo-seriellen Klangtrauben zu einem historisch entrückten Abgesang auf einen nach wie vor modernen Helden.

? Juan Martin Koch


Donaukurier

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