So waren die meisten der Oscar-Präsentationen witzlos und die musikalischen Einlagen langweilig bis furchtbar - der Auftritt der Musikerinnen Tegan und Sara gemeinsam mit The Lonely Island war optisch wie klanglich ein absoluter Fehlgriff.

Was die Gewinner angeht, gab es keine Überraschungen: Kritiker und Filmexperten hatten seit Wochen vorausgesagt, dass "Birdman" den besten Film gewinnen würde. Denn nichts liebt Hollywood mehr, als Filme über Hollywood. Mit Selbstreferenzen kann man dort immer punkten. Das ist bedauerlich. Handwerklich ist "Birdman" ein großartiger Film, keine Frage. Regisseur Alejandro Gonzalez Inarritu reizt die Möglichkeit des Mediums aus und macht so im Grunde mehr einen Kunstfilm, denn einen Unterhaltungsfilm. Das ist an sich nicht schlimm, wäre da nicht die Geschichte. Ein gealterter Superhelden-Darsteller, der für sein Comeback an die Grenzen der Lächerlichkeit geht. Wären da andere Geschichten nicht bedeutender, und es daher nicht auch wichtiger, sie auszuzeichnen?

Oscar-Nominierung - "Selma"
Das historische Drama "Selma" hätte einen Oscar für den besten Film verdient. Doch es ging leer aus - die Macher sprechen von einem Skandal.
Atsushi Nishijima (StudioCanal)
Ein gutes Beispiel ist "Selma", ein historisches Drama der afroamerikanischen Regisseurin Ava du Vernay, das sich mit den Märschen von Selma nach Montgomery befasst. Diese wurden von Martin Luther King initiiert, um für das Wahlrecht der schwarzen Bevölkerung Amerikas zu kämpfen. Der Film hat große Bilder, viel Pathos - aber vor allem hat er eine wichtige Geschichte zu erzählen. "Selma" spricht von Freiheit und dem Kampf gegen Unterdrückung. Auch in der heutigen Zeit, in der rassistische Tendenzen noch immer nicht aus der Gesellschaft verschwunden sind, ist es wichtig, sich immer wieder mit der Thematik zu befassen.

Genauso verdient hätte es aber auch "The Imitation Game". Der Film des norwegischen Regisseurs Morten Tyldum ist eine Mischung aus Biopic und Spionage-Drama und erzählt die Geschichte des Mathematikers Alan Turing. Dieser half den Briten einst, den deutschen Verschlüssellungsapparat Enigma zu knacken, entwickelte den ersten Vorläufer unserer Computer und wurde trotz seiner Verdienste wegen seiner Homosexualität chemisch kastriert. Wie "Birdman" ist "The Imitation Game" handwerklich gut gemacht. Zudem aber thematisiert der Film die Diskriminierung der Homosexuellen; erst 2013 wurde Turing von der britischen Queen posthum begnadigt. Und noch immer müssen Homosexuelle gegen eingeschränkte Rechte und Ausgrenzung kämpfen. Sollte man nicht also einen Film mit einer bis heute aktuellen Problematik eher würdigen, als einen Film, der sich über die Eitelkeiten Hollywoods amüsiert? Gibt es dafür nicht die Klatschpresse?

Die Auszeichnung der Hauptdarsteller ist da angebrachter: Julianne Moore stellt in "Still Alice" auf mitreißende Weise eine Alzheimerkranke dar und Eddie Redmaynes Stephen Hawking in "Die Entdeckung der Unendlichkeit" ist so gut, dass man vergisst, nicht den echten Hawking vor sich zu haben. Auch die Nebendarsteller J.K. Simmons ("Whiplash") und Patricia Arquette ("Boyhood") haben ihre Oscars verdient. Hier kann man der Academy zu ihrer Wahl wirklich gratulieren.

87th Academy Awards - Ceremony
Moderator Neil Patrick Harris.
Michael Yada / Ampas (AMPAS)
Eine gute Wahl hat sie auch bei der Benennung ihrer Moderators getroffen. Der homosexuelle Schauspieler Neil Patrick Harris punktet mit mal mehr, mal weniger subtilem Humor und flirtet gleichermaßen mit den Damen und Herren im Publikum. Absoluter Höhepunkt: Harris zitiert eine Szene aus "Birdman" und tritt als erster Moderator in der Geschichte der Oscars nur mit einer Unterhose bekleidet vor die Zuschauer. Er reißt die Show aus ihrem seichten Trott und stellt eine angenehme Abwechslung zur lauten Ellen de Generes im vergangenen Jahr dar.

Lediglich ein schlechter Witz stört das ansonsten gute Bild von Harris. Nachdem die Regisseurin Laura Poitras für "Citizen Four" den Oscar für die beste Dokumentation erhalten hat, hält sie eine flammende Rede für Presse- und Meinungsfreiheit sowie den Schutz von Whistleblowern wie Edward Snowden, die Hauptfigur ihres Films. Harris meint daraufhin, dass Snowden nicht hier sein könne, er sei verhindert, "for some treason". Richtig heißen müsste es "for some reason" - aus bestimmten Gründen. Harris verwendet stattdessen aber das Wort "treason", auf Deutsch "Hochverrat". Fehlplatzierter Spott, der wohl nur die amerikanische Regierung erheitern wird.

Obwohl die Oscars im Grunde unpolitisch sein sollen, nutzt nicht nur Poitras ihre Auszeichnung, um auf Missstände aufmerksam zu machen: So erklärt eine wütende Patricia Arquette, dass Frauen und Männer endlich die gleichen Rechte und die gleiche Bezahlung erhalten sollten - und reißt damit sogar Meryl Streep von ihrem Sitz.  

Noch emotionaler ist die Rede des Autoren Graham Moore, nachdem er für "The Imitation Game" den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch gewonnen hat. Er offenbart, dass er sich einst im Alter von 16 Jahren wegen seiner Homosexualität umbringen wollte, weil er sich so fremd gefühlt habe. Nun aber sei es sein Wunsch, allen Mut zu machen, die das Gefühl hätten, sie würden nirgendwo dazu gehören. Auch für sie gebe es einen Platz in dieser Welt: "Bleibt merkwürdig, bleibt anders!", ruft er seinem begeistert jubelnden Publikum zu.
 
Der Höhepunkt der politischen Statements und aufwühlenden Reden? Nachdem John Legend und Common mit "Glory", dem Titelsong aus "Selma" aufgetreten sind, stehen vielen im Publikum Tränen in den Augen - unter anderem auch David Oyelowo, der Martin Luther King in "Selma" spielt. Es folgen Standing Ovations und die Belohnung kommt sogleich: Der Song wird mit einem Oscar für den besten Song prämiert. In ihrer Rede erklären die beiden Musiker, dass Afroamerikaner in den USA noch immer unter Rassismus und Diskriminierung leiden würden - gerade im Lichte der aktuellen Vorfälle in Ferguson und New York.

Zudem sprechen auch sie sich noch einmal für die Bedeutung der Rede- und Ausdrucksfreiheit aus. Das Thema sei stets aktuell egal, ob es sich um die Märsche von Selma im Jahr 1965 handle oder um die Studentenproteste in Hongkong und die Anschläge von Paris in der heutigen Zeit. Das zeigt: Die Oscars waren in diesem Jahr nicht besonders aufregend - aber dafür zeigten sie sich politisch wie nie.