Melody Gardot
Melody Gardot im Ingolstädter Festsaal.
Claus Woelke
Stillstand ist nicht ihr Ding. Die 30-Jährige hat sich im Laufe ihrer Karriere ständig weiterentwickelt. In ihren frühen Aufnahmen verarbeitete sie einen Schicksalsschlag. Ein Autofahrer hatte sie im Alter von 18 Jahren vom Rad gefahren. Sie verletzte sich so schwer, dass sie nur noch eingeschränkt Klavier spielen konnte und bei Konzerten auf eine elektronische Schmerzkontrolle angewiesen war. Sie benutzte einen Gehstock und saß während ihrer Auftritte auf einem Barhocker. Das 2008 veröffentlichte Debütalbum „Worrisome Heart“ war das Resultat ihrer Musiktherapie. Mit dem zweiten Album gelang ihr der kommerzielle Durchbruch, der auch erste weniger dunkelgraue, fast schon poppige Songs enthielt.
 
Doch diejenigen, die damit rechneten, dass Gardot nun in Richtung Mainstream abdriften würde, straft sie Lügen. Ihr aktuelles Album „Currency Of Man“, mit dem sie derzeit durch Deutschland tourt (der Gig in Ingolstadt war der einzige in Bayern), ist eine Abkehr der Vorgänger. Sie spricht von „einem Sprung ins Ungewisse“. Tango-Anleihen und tieftrauriger Fado, vorgetragen mit ihrer einzigartigen Stimme, die mit der von Jazzikone Nina Simone verglichen wird. 
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Melody Gardot mit Band
Begleitet wurde Melody Gardot von einer siebenköpfigen Band.
Claus Woelke
Bei ihrem Auftritt am Sonntag erreicht ihr Reifeprozess die nächste Stufe. Rein äußerlich erinnert nichts mehr an die Anfänge. Den Gehstock hat sie abgelegt. Ganz in Schwarz betritt sie die Bühne, über der hautengen Lederhose trägt sie ein Jackett und einen breitkrempigen Hut. Gerade so, als wolle sie sich ganz bewusst von ihrem früheren Erscheinungsbild der Smooth-Jazz-Interpretin distanzieren. Auch sitzt sie nicht mehr auf einem Barhocker, sondern schnappt sich die E-Gitarre und eröffnet den Abend mit „Same To You“ aus dem aktuellen Album. Begleitet wird sie von einer herausragenden siebenköpfigen Band, bestehend aus drei Bläsern, einem Gitarristen, einem Bassisten, einem Keyboarder und einem Schlagzeuger. Und dieses Septett ist genauso experimentierfreudig wie die Frontfrau. 
 
Der für das Publikum exzellent ausgesteuerte Sound (Gardot spricht im Lauf des Abends von einem Echo-Effekt auf der Bühne, der sich gut für Experimente eignen würde) kommt bei den ruhigen Stücken voll zum Tragen. Höhepunkt ist eine entschleunigte Version ihres wohl bekanntesten Songs „Baby I'm A Fool“. Auf der Bühne sind außer Gardot lediglich der neben ihr stehende Drummer Charles Staab mit seinem Schlagzeugbesen und Leadgitarrist Mitchell Long. Das Trio ist in drei helle Lichtkegel getaucht, und der Song ist von geradezu betörender Schönheit. 
 

Das scheue Ingolstädter Publikum

 
Nur eines gelingt der Musikerin nicht, so sehr sie sich auch abmüht: der Dialog mit dem Publikum. Das nämlich ist – wenig überraschend – schlichtweg zu scheu. Ein Mutiger meldet sich, als sie fragt, wer Charles Mingus kennt, einen der bedeutendsten Komponisten des Modern Jazz. Weitere Versuche enden ebenfalls kläglich. „You're serious“ („ihr seid aber ernst„), entfährt es der 30-Jährigen. Immerhin gelingt es ihr bei „Preacherman“, die Zuschauer im Sinne des Call-and-Response zum Mitsingen zu animieren. „Bad News“ erinnert mit seiner schleppenden Art an Stücke von Tom Waits, und bei einigen Songs lässt Gardot ihre Musiker derart von der Leine, dass es fast schon kakofonische Ausmaße annimmt. Zum Niederknien gut ist die Band vor allem bei den ruhigen Stücken. 
 
Nach 90 Minuten ist Schluss. Jetzt ist das Ingolstädter Publikum aufgetaut. Stehende Ovationen, natürlich. Am Ende folgt noch eine Zugabe mit mehreren Soli. Festivalleiter Jan Rottau bringt es auf den Punkt: „Ich bin mir sicher, da ist keiner unzufrieden rausgegangen.“