Ingolstadt: Hexenmeister am Bass, Magier mit Akkordeon
Französischer Shooting-Star: Vincent Peirani macht aus dem Akkordeon einen musikalischen Wunderkasten. - Foto: Löser
Ingolstadt

Jazzparty II, vier Konzerte, eine Late-Nigth-Session. Die Betriebstemperatur war vom ersten Moment an hoch. Das passende Tempo gaben gleich zu Beginn Steve Gadd, der Oldstar und für Schlagzeuger verehrungswürdige Musiker aus den USA, und seine unglaublich souveräne Band vor. Mit Präzision, dem Willen zum Groove und begeisternder Unmittelbarkeit zog der 70-Jährige mit Larry Goldings, Jimmy Johnson, Michael Landau und Walter Fowler alle spielend in seinen Bann.

Zwei Stunden später setzte sich Wolfgang Haffner, der wohl größte Fan des Meisters an diesem Abend, hinter sein eigenes Schlagzeug. „Er ist mein absoluter Hero, als Mensch und als Musiker“, hatte ihn der 49-Jährige angekündigt. Haffner – lässig, cool und spielfreudig – trat heuer mit dem deutschen Bassisten Ingmar Heller und Ulf Wakenius auf. Der schwedische Gitarrist, langjähriger Partner von Oscar Peterson, der im vergangenen Jahr mit der koreanische Sängerin Youn Sun Nah in Ingolstadt einen umjubelten Auftritt feierte, zeigte sich erneut als hochvirtuoser und konzentrierter Gitarrist. Mit glasklarem, wie gemeißeltem Ton.

Kein Halten gab es bei Marcus Miller und seiner Band – Adam Agati, Alex Han, Brett Williams, Lee Hogans, Louis Cato und Mino Cinelu. Der Magier des Bass legte einen begnadeten und publikumsaffinen Live-Act hin. Ein Wort, ein Ton. Verfallen. Sei es bei der instrumentalen Version des Motown-Klassikers „Papa Was A Rollin’ Stone“ oder neuen Stücken aus seiner aktuellen CD. Damit macht der charismatische Multiinstrumentalist seinem Ruf als umtriebiger und permanenter Erneuerer alle Ehre. In „Afrodeezia“ befasst er sich mit den afrikanischen Wurzeln. Er zeichnet nach, wie die Menschen, die einst versklavt wurden, die Musik der Länder entlang der „Route der Sklaven“ prägten und bis heute beeinflussen. Die Inspiration zu diesem Album entsprang seiner Aufgabe als Artist for Peace und Sprecher des Slave Route Project für die Unesco.

Fotostrecke: Steve Gadd Band

 

Die Entdeckung des Abends war jedoch das Duo Émile Parisien und Vincent Peirani, die bereits mit Preisen – unter anderem dem Jazz-Echo 2015 – überhäuften Shooting-Stars der französischen Jazzszene. Jeder für sich ein Meister auf seinem Instrument, gemeinsam ein Erlebnis. Émile Parisien brachte sein Sopransaxofon zum Singen, Klingen, Flüstern und Weinen. Vincent Peirani entlockte seinem Akkordeon die Klänge eines ganzen Orchesters. Tänzerische Luftigkeit, bedeutungsvoller Tiefgang verbanden sich hier. Eine Melange aus Jazz, Klassik und französischer Improvisationsmusik. Mit einem enormen Variationsreichtum, technischen Höchstschwierigkeiten und perkussiven Einfällen verzauberten die zwei unprätentiösen Stars das Publikum. Zu Recht wird Vincent Peirani als Modernisierer des Akkordeons gefeiert, der aus dem Traditionsinstrument einen Wunderkasten macht.

Ein Motto des Abends? Eine Gemeinsamkeit der so unterschiedlichen Musiker? Es gab sie. Grenzenlosigkeit im besten Sinne. Bei Marcus Miller mit seinem Soundtrack zur Freiheit (der Sklaven), bei den anderen Erfolgsmusikern mit dem steten Willen, nicht stehen zu bleiben.