Incognito machen seit Jahrzehnten das Gleiche, nämlich routinierten und professionellen Party-Funk mit Bums auf der Eins, damit auch wirklich jeder im Auditorium weiß, wie er rhythmisch zu zucken hat. Hauptsache, der Schweiß fließt. Das ist ziemlich wirksam, aber auch ziemlich plakativ, vordergründig und eindimensional. Im Grunde ist die Band für eine Veranstaltung, die die Vokabel „Jazz“ im Namen trägt, eine zu vernachlässigende Größe.

Antoinette Clinton, die sich Butterscotch nennt, ist der dritte Act des Abends und als „Hip Hop Beatbox“ ziemlich gut. Sie kann wirklich überzeugend Schlagzeugsounds und Trompeten akustisch nachmachen. Ihre Band spielt solide, aber nicht weiter aufsehenerregend. Man präsentiert Soul-, Pop- und auf Funk getrimmte Stücke – auf was sonst bei dem Überangebot an Funk beim Festival – von Smokey Robinson bis zu „My Funny Valentine“ von Richard Rogers und bereichert sie mit Beatbox-Einlagen. Ihr Talent ist offensichtlich, aber es gibt noch reichlich Luft nach oben.

Und was ist mit Dominic Miller, bei dessen Auftritt aufgrund der offensichtlich gewollten Konkurrenzsituation zu Incognito tatsächlich noch ein paar Stehplätze frei sind? Nun, der sorgt dafür, dass die Jazzparty 1 zu einer Zweiklassengesellschaft wird mit Miller ganz oben, dann erst mal nichts und ein paar Stockwerke tiefer dem Rest. Ja, man muss es so deutlich sagen: Es ist schon erstaunlich, wie man ein Juwel wie diese Band mit ihrem Auftritt im kleinen Saal quasi ins zweite Glied verbannt und das Publikum dabei auch noch bereitwillig mitspielt.

Fotostrecke: Jazzparty I


Dominic Miller, seit vielen Jahren die rechte – und wohl auch die linke – Hand von Sting, Mike Lindup, der musikalische Kopf von Level 42, dazu der herausragende Tony Remy an Gitarre und Bass und der feinfühlige Schlagzeuger Miles Bould entwerfen wunderschöne Szenarien des World Jazz, streifen die britische Canterbury Scene, holen ein paar Sting-Melodien ins Programm, kleiden „Love Meeting Love“ von Level 42 völlig neu ein und lassen ansonsten die Sache ganz entspannt auf sich zukommen. Wie Miller selbst sagt: „Mal sehen, was daraus wird.“

Nichts anderes als ein echtes Highlight wird daraus, eine Ansammlung von behutsam umgedeuteten Covers und exzellenten Eigenkompositionen wie „Tokyo“ oder „Otis“, bei denen die Band die verzwickten Arrangements kleiner Suiten mit Grandezza und Leichtigkeit zum Leben erweckt, sich zwei Gitarren ineinander verbeißen oder bei Bedarf „Saite an Saite“ losstürmen. Diese Band packt einen nicht, um einen mit akustischer Wucht an die Wand zu nageln. Das geschieht gleichzeitig im anderen Saal des Hotels. Nein, Miller und seine Partner greifen zu, um zu verzaubern, um zu ent- und zu verführen. Das tut gut, das entspannt, das ist Balsam für Seele und Ohr. Man spürt die Substanz, die hinter dem Ganzen steckt. Es gibt Momente, in denen bewirkt ein Fingerschnipsen tatsächlich mehr als ein Vorschlaghammer.

Party oder Jazz? Jeder mag für sich entscheiden, was ihm wichtiger ist. Der Hotelflur als Laufsteg? Das Gefühl, für einen Abend VIP zu sein? Interesse an Musik? Vielleicht sogar Liebe zum Jazz? – „Jazz“ impliziert künstlerischen Anspruch. Dominic Miller und seine Band wurden ihm gerecht.