Eingefleischte Jazzfans werden sich erinnern: Nina Simone (1933–2003) war als Highlight der 11. Ingolstädter Jazztage 1994 vorgesehen. Es sollte ihr einziger Auftritt in Deutschland in jenem Jahr werden. Kurz vor knapp sagte sie ab. Das Roy Hargrove Quintet und Deborah Brown sprangen damals für sie ein – kein wirklicher Ersatz, streng genommen.
 
Lisa Simone
Start der Solokarriere mit 52 Jahren: Lisa Simone begann als Musical-Darstellerin und Schauspielerin am Broadway. Ende vergangenen Jahres erschien ihr Debütalbum »All Is Well«.
Martina Persy
Wer die Anfang des Jahres auf der Berlinale vorgestellte Doku „What Happened, Miss Simone?“ gesehen hat (Interview mit Regisseurin Liz Garbus und Lisa Simone am Fuße des Artikels), war beeindruckt vom Lebenswerk der Songschreiberin, Pianistin und Bürgerrechtlerin. Und entsetzt, welchen Stellenwert ihre 1962 geborene, einzige Tochter in ihrem Leben einnahm. Nina Simone litt an Depressionen, war ruhelos und ständig auf Tour. Ihre Tochter musste mit ansehen, wie der Vater, gleichzeitig Manager Nina Simones, die Mutter ein ums andere Mal krankenhausreif prügelte. Für die Tochter hatte man keine Zeit, sie wurde abgeschoben in eine Pflegefamilie. Als die zwischenzeitlich nach Südafrika ausgewanderte Mutter ihre Tochter dem Schoß der Pflegefamilie entriss und zu sich holte, wurde es keinen Deut besser.

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Lisa Simone, die ihre musikalische Laufbahn als Soul Sister im Kultmusical „Jesus Christ Superstar“ begann und 2001 mit der Acid-Jazz-Band Liquid Soul für einen Grammy nominiert war, hat im Lauf der Jahre ihren Frieden geschlossen mit der Übermutter. Jeder im Saal weiß, dass sie „die Tochter von“ ist, und dennoch stellt sie sich zu Beginn noch einmal als solche vor. Ein Konzert wäre nicht komplett ohne die Songs ihrer Mutter, sagt sie, und sie sagt dies ohne Bitterkeit.

Was daran liegen könnte, dass ihre Mutter zum Ende hin milder wurde und die Tochter als Künstlerin anerkannte. Vier Jahre vor ihrem Tod bat Nina Lisa bei einem Bluesfestival in Dublin auf die Bühne, um mit ihr ein gemeinsames Duett zu singen. Auf dem Sterbebett versprach ihr die Tochter, die eigene Karriere voranzutreiben. Nun schließt sich der Kreis: Vor einem Jahr startete Lisa Simone ihre Solokarriere.

Deutschland hätte einen speziellen Platz in ihrem Herzen, sagt die 53-Jährige. Es sei toll, nach über 20 Jahren wieder hier zu sein. Fünf Jahre hatte sie einst in Frankfurt gelebt, und das Ingolstädter Publikum darf sich an diesem Abend glücklich schätzen. Die vergangenen beiden Tage hätte man die Songs des demnächst erscheinenden neuen Albums bis zum Exzess geprobt, „und ihr seid die Ersten, die diese Songs zu hören bekommen“. Den Schwerpunkt jedoch bilden die Nummern aus ihrem aktuellen Longplayer „All Is Well“. Der mitreißende Titelsong ist der Opener, dominiert vom Gitarrenspiel des virtuosen Hervé Samb, der den Rhythmus vorgibt und die Nummern arrangiert hat. „Child In Me“ erzählt die chaotische Kindheit im Schatten ihrer exzentrischen Mutter, und jede Note sitzt. Ihr unglaublich straight spielendes Trio wird komplettiert von Bassist Reggie Washington (der schon mit Branford Marsalis und Cassandra Wilson tourte) und Schlagzeuger Sonny Troupé.
 

Ein Fan kam aus Berlin angereist

 
Lisa Simone
Edelfan: Albin (60) kam extra aus Berlin angereist, um die Tochter seines einstigen Idols zum ersten Mal live zu erleben. Er überreichte der Musikerin weiße Rosen.
Martina Persy
Der am weitesten angereiste Zuschauer sitzt in der ersten Reihe und überreicht der perplexen Musikerin einen Strauß weißer Rosen. „Ich war ein großer Fan ihrer Mutter und bin in losem Mailkontakt mit Lisa“, sagt der 60-jährige Albin aus Berlin. In Ingolstadt sieht er die Tochter seines Idols zum ersten Mal live. Er ist begeistert: „Das war einfach toll!“

Nina Simones Sixties-Klassiker „Ain’t Got No I Got Life“, ein Stück aus dem Kultmusical „Hair“, sorgt für Begeisterungsstürme. Im Gegensatz zur introvertierten Mutter spielt Lisa mit ihrem Publikum. Sie flirtet, feuert es an, bindet es immer wieder mit ein und verlässt für einen Song sogar die Bühne, um viele Hände bis zur letzten Reihe zu schütteln und für Selfies in Smartphones zu lächeln. Die äußerst attraktive Wahl-Französin beherrscht die tiefen und die hohen, die ruhigen und die lauten Töne. Sie schreit sich den Blues von der Seele und haucht den Soul ins Mikro. Am Ende gibt es kein Halten mehr, das Publikum sitzt längst nicht mehr. Nach drei Zugaben geht ein großartiger Konzertabend zu Ende.