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09.11.2012 20:39 Uhr | x gelesen
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Mit offenen Ohren durch die Ingolstädter Nacht


Bild: Mit offenen Ohren durch die Ingolstädter Nacht.  Ingolstadt (DK) Vielfalt waren bei Jazz in den Kneipen in Ingolstadt angesagt. Im Rahmen der 29. Jazztage traten in sieben Lokalitäten nationale und internationale Bands auf.

Ingolstadt (DK) Vielfalt waren bei Jazz in den Kneipen in Ingolstadt angesagt. Im Rahmen der 29. Jazztage traten in sieben Lokalitäten nationale und internationale Bands auf.


Furchtlose Querdenker


Furchtlose: Mit offenen Ohren durch die Ingolstädter Nacht
Vielfalt und Klangfülle waren bei Jazz in den Kneipen in Ingolstadt geboten. Im Rahmen der 29. Jazztage traten in sieben Lokalitäten nationale und internationale Bands auf. Tokunbo Akinro (oben links) war mit Tok Tok Tok im Mo, Stephanie Nilles in der Neuen Welt. Der Star der deutschen Jazz-Szene, Michael Wollny, begeisterte mit der Bassistin Eva Kruse und dem Schlagzeuger Eric Schaefer das Publikum im Diagonal. - Fotos: Löser

Sie wollen den „Punk im Jazz“, sagen sie. Das heißt für sie ungebremste Kraft und der drängende Wunsch nach Neuland. Im Diagonal bietet das Trio, das nicht mehr die Hoffnung des deutschen Jazz, sondern längst das Beste ist, was es hierzulande zu hören gibt, eine aberwitzige Klangwerkstatt, ein musikalisches Abenteuer. (iPad-)Spieluhr im Flügel und Ketten auf Drums sind da noch das Harmloseste. So immens der musikalische Kosmos, so grenzenlos sind die Inspirationsquellen von Pianist Michael Wollny, Bassistin Eva Kruse und Schlagzeuger Eric Schaefer: das absolute Weiß in der Arktis, der Tanz der Vampire, der Trauermarsch aus der 5. Symphonie von Gustav Mahler, die drückende Hitze in einem Studio oder philosophische Traktate.


zur Diashow Jazz in den Kneipen

 

Die drei Musiker sind kluge wie furchtlose Querdenker, die Grenzsteine – Jazz, Indie-Rock, Klassik, Avantgarde – mit Leichtigkeit, wie selbstverständlich, verrücken. Aus Kontrasten kreieren sie auf hohem Energielevel und mit ungebremster Fantasie nie Gehörtes, sind Meister der Bruchstellen und Soundexperimente. Das alles ist rau, poetisch, verblüffend, atemlos, melodisch – und immer ein Erlebnis.

Alten Bekannten neu gehört


Man meint, über ihn bereits alles zu wissen, nachdem er nicht zum ersten Mal in Ingolstadt war. Dass man auch alte Bekannte neu kennenlernen kann, zeigt sich bei Iain Matthews, der im Café Hohe Schule spielte. Matthews teilte sich mit dem Pianisten Egbert Derix die Bühne und ist längst nicht mehr nur der Singer-Songwriter, sondern auch ein anscheinend in jazzhaltiger Musik bestens bewanderter Komponist, der in seinen neuen Songs zwar immer noch Geschichten erzählt vom „Baby In Trouble“ oder von den täglichen „Bad News“, diese aber vor allem harmonisch sehr jazznah anlegt, so dass sie auf wunderschöne Art fließen.

„Buddha Dials Your Number“ und „When The Floyd Were On The Prowl“ werden durch die Verbindung von Folk, Pop und Jazz mit souverän getexteten Lyrics zu Songperlen, in die man sich auf der Stelle verlieben könnte. Die Kombination aus perkussiv ausgerichteter akustischer Rhythmusgitarre und perlendem Piano à la Bruce Hornsby klingt unerwartet schlüssig und wie geschaffen für diese Art von Musik, die es tatsächlich schafft, mindestens zwei Genres zusammenzuführen und ein neues zu entwickeln.

Fesselnde Magie hoch drei


Es sind kaum mal Akkorde voller überschäumender Lebensfreude, die Tim Allhoff mit Bassist Andreas Kurz und Drumer Bastian Jütte in der Theaterbar offerieren. Viel mehr tastet sich das Trio in bisweilen asketisch-intellektuellen Kompositionen an faszinierende Klangsphären heran, in denen jeder einzelne Ton die Aura des Stückes mit bestimmt.

Das Trio nimmt die Zuhörer mit zu Liedern aus ihrer neuen CD „Hassliebe“. Einige Arrangements daraus wirken vordergründig kühl, doch mit jedem neuen Takt vermitteln sie die fesselnde Magie der darin eingefangenen Stimmungen und Leidenschaften. Voraussetzung dafür ist ihre perfekte Abstimmung und staunenswerte Akribie. In seinem Körper drückt Allhoff dazu die Spannungen aus, die er mit fast ekstatischen Windungen auf die Tasten überträgt. Drumer Jütte wischt dazu nicht eben mal so über die Felle. Jeder Schlag, jede Berührung und jeder Besenstrich ist mit Bedacht und punktgenauer Präzision geführt. Die Drei sind eine wunderbare Fügung. Anfangs ist das Publikum in der Theaterbar noch recht übersichtlich. Doch am Ende ist kaum ein Platz mehr frei.

Melancholie und Lebensfreude


Auf „Draj“ geht’s los. „Draj“ steht in der jüdischen Sprache für die Zahl 3 und im Ölbaum für eine ganz neue Hörerfahrung. Das Ensemble ist zu Dritt und präsentiert sich in ungewöhnlicher Besetzung. Manuela Weichenrieder singt die Lieder mit den jüdischen Texten. Ralf Kaupenjohann spielt Akkordeon, Ludger Schmidt Cello. Warum nicht, wie naheliegend, Kontrabass?

Die Antwort liegt im Konzept des Ensembles. Das Cello ist hier manchmal Bassinstrument, manchmal jubilierendes Soloinstrument mit schnellen Doppelgriffen in den hohen Lagen. Es ergänzt sich dabei bestens mit dem genauso vielschichtig eingesetzten Akkordeon. Auf der swingenden oder zuweilen auch clusterartigen Basis entwickelt Manuela Weichenrieder ihren Gesang. Improvisierte Passagen wechseln sich mit emotionalen Teilen ab. Freude und Klage liegen dabei nah zusammen. Wie zum Beispiel bei „Unter den grünen Bäumen“. Dort beobachtet ein alter Mann sehnsuchtsvoll das ausgelassene Spiel der Kinder. Die Musik ist strikt zweigeteilt und reizt mit melancholischer Schönheit sowie quirliger, orientalisch angehauchter Lebensfreude.

Vielfalt zum Abschied


So ganz mag man es nicht glauben, dass Tok Tok Tok auf „Goodbye Tour“ sind. Denn die Sängerin Tokunbo Akinro und die Musiker Morten Klein, Jens Gebel und Christian Decker ließen im Mo kaum einen Moment von Abschiedschmerz aufkommen.



Stattdessen gab es ein gut gelauntes Best-of, Vielfalt und charmante Leichtigkeit, mit der das Quartett im feinsten Akustik-Soul Eigenkompositionen und Hits von Kollegen präsentierten. Ob die Beatles oder Paul Simon („50 Ways To Leave Your Lover“), ob Jazzstandards oder ihre deutschsprachigen Erfolge („Schokolade“).

Und was bleibt den Fans, wenn die Musiker ab März 2013 getrennte Wege gehen? Gut, dass sie in 15 Jahren so kreativ und produktiv waren. Da kann man sich erst einmal durch zwölf Studioalben, zwei Livealben und ein Best-of-Album hören. Und schön, dass sich Tok Tok Tok auf ihrer Abschiedstournee auch von ihrem treuen Ingolstädter Publikum verabschiedet haben.

Schwül-explosive Mischung


Grand Mother’s Funck ist eine Formation, bei der es zusammenfassend nur ein Wort geben kann: fett!

René Mosele und Alex Hendriksen bilden das „Gebläse“. Als Satz gespielt wirken Posaune und Saxofon eng zusammen, druckvoll wie aus einem Guss. Solistisch kommen luftig-freche Passagen beim Publikum im Swept Away an. Funkige Töne prallen auf karibische und südamerikanische Rhythmen. Wenn Rich Fonje singt, transportiert er das zugespitzte Funk- und Soulfeeling der 60er und 70er Jahre. „Großmutter“ muss stolz auf ihn sein!

Neben dem von Daniel Aebi gespielten Schlagzeug befeuert Percussionist Ohle Gagneux das musikalische Geschehen, stellenweise auch mündlich via Beatboxing. Dicke kugelige Bässe im seligen Bob-Marley-Sound oder messerscharfe Riffs liefert Thomas Reinicke ab. Bernhard Häberlin an der Gitarre und Keyboarder Andreas Michel runden das Projekt zu einer schwül-explosiven Mischung ab, die aus mehr besteht als aufgewärmten Klischees und bloßer Revivalsentimentalität. Funk, Soul, Jazz und Reggae finden sich frisch und zeitgemäß wieder in diesem Schweizer Exportschlager.

Musikalische Rebellin


Stephanie Nilles war schon einmal mit ihrem Duo-Partner Matt Wigton am Kontrabass zu hören und zu sehen in der Neuen Welt. Diesmal hat sie zusätzlich Drummer Fred Kennedy und die Songs ihrer brandneuen CD mit an Bord.

Stephanie Nilles ist schlichtweg einzigartig, und zwar gesanglich wie musikalisch. Das ist ganz einfach eine Tatsache. Rotzfreche Texte über die Auswüchse der Social Networks oder die Verantwortlichen der BP-Ölkatastrophe im Golf von Mexiko kombiniert sie mit schrägen Melodien, Rhythmen und Abläufen, die die eines Tom Waits noch in den Schatten stellen. Stimmlich hat sie so ziemlich alles drauf zwischen Girlie-Geqieke und Hochton-Tremolo einer- und dem erdigen Blues aus den Tiefen der Bronx oder des Deltas andererseits. Und über allem schwebt latent der Geist ihrer Wahlheimat New Orleans. Mit jedem Stück entdeckt man neue Seiten an ihr, ihr Hunger nach dem musikalischen Abenteuer scheint ungebrochen. Freigeist, musikalische Rebellin, Ausnahmetalent und Bilderstürmerin – Stephanie Nilles ist all das mit Sicherheit. Und zudem eine höchst sympathische Entertainerin.


Katrin Fehr, Karl Leitner, Lorenz Erl, Christof Fiedler und Karl Leitner
 
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