Stadtfeld
Abgezirkelte Klänge, geschliffene Anschlagskultur: Martin Stadtfeld stellte beim Konzertverein Ingolstadt zwei völlig unterschiedliche Klavierkonzerte vor, von Johann Sebastian Bach und dessen Sohn Johann Christian. ?Foto: Schaffer
Bernhard Schaffer
Ingolstadt

Martin Stadtfeld sieht aus, als wenn er auf einem Kinderstuhl sitzen würde. Der Pianist hat den Klavierhocker so weit wie nur möglich heruntergeschraubt. Wenn er Bach spielt, öffnet er manchmal die Lippen, als wenn er mitsingen wollte. Und wenn nur seine rechte Hand über die Tasten gleitet, scheint er mit der linken mitdirigieren zu wollen. Das alles sind Marotten, die wir kennen. Nämlich von dem anderen Giganten der Bach-Interpretation, von Glenn Gould (1932–1982). Aber spielt Martin Stadtfeld auch so wie der geniale Kanadier bei seinem Konzert im Ingolstädter Festsaal zusammen mit dem Mannheimer Mozartorchester? Wer Johann Sebastian Bach interpretiert, sitzt immer zwischen allen Stühlen. Kein anderer Meister der Musikgeschichte ist in den vergangenen hundert Jahren so vielfältig, so unterschiedlich gedeutet worden wie der geniale Thomaskantor.

Man kann unendlich streiten über gültige Interpretationen, schon die verwendeten Instrumente bieten Anlass zu endlosen Kontroversen. Sollten Bachs Klavierwerke auf dem Flügel oder auf dem Cembalo (oder gar auf dem Clavichord) musiziert werden? Zwei große Schulen der Bach-Interpretation haben sich in den vergangenen Jahrzehnten etabliert: die Originalklangbewegung, die, so weit es die musikwissenschaftliche Forschung ermöglicht, die historischen Aufführungsbedingungen rekonstruiert. Und Interpreten, die in erster Linie dem Geist (und nicht den Buchstaben) der Werke entsprechen möchten, allerdings mit modernen Instrumenten. Deren wichtigster Vertreter ist erneut Glenn Gould, dem fantastische, paradigmatische Bach-Deutungen auf dem modernen Steinway-Flügel gelangen. Zu dieser Richtung zählt zweifellos auch der in Siegen aufgewachsene Pianist Stadtfeld.

In Ingolstadt präsentierte er zunächst das kurze f-Moll-Konzert von Johann Sebastian Bach. Ähnlich wie Gould ist Stadtfeld ein Klangfanatiker. So gleichermaßen markant perkussiv und zugleich leise und weich hat man Bach am Steinway des Konzertvereins bisher noch nicht gehört. Stadtfeld nutzte alle Möglichkeiten des modernen Flügels, seine Sinnlichkeit, seine Dynamik und entfernte sich damit sehr weit vom eindimensionalen Klangbild des Cembalos, für das dieses Konzert ursprünglich geschrieben wurde. Er hat guten Grund dazu. Denn die Forschung geht heute davon aus, dass das Konzert die Bearbeitung eines verschollenen Violin- oder Oboenkonzerts ist. Den weit gespannten, arienhaften Mittelsatz kann man nur am Flügel ansprechend darstellen. Und genau das gelang Stadtfeld mit unnachahmlicher Finesse und frappierendem Feingefühl. Wie er diese Melodiebögen spannte, wie er sie aussang und dann, am Ende des Satzes, in ein intimes Pianissimo zurückführte und dabei in der Wiederholung zarte Verzierungen hinzufügte, das war schlicht einzigartig. Fast noch verblüffender das zweite Werk, das Stadtfeld an diesem Abend vortrug, ein Klavierkonzert des Bach-Sohnes Johann Christian, ebenfalls in f-Moll – eine wahre Entdeckung. Aber vielleicht klang dieses Stück nur deshalb so tiefsinnig, so erschütternd, weil es Stadtfeld so ungemein packend darstellen konnte. Was ein wenig überraschte. Denn Stadtfeld, der Johann Sebastian Bachs Musik mit geometrischer Präzision und kristalliner Objektivität präsentiert, zeigte hier eine völlig andere Seite seiner Persönlichkeit.

Der Londoner Bach ist ein Hauptvertreter der Empfindsamkeit, seine Musik ist fast schon vorromantisch. Stadtfeld begab sich rückhaltlos in diesen Rausch der Emotionen, donnerte brutal und streichelte zärtlich über die Tasten, legte in die unscheinbarsten Einsätze ein Maximum an Gefühlsintensität. Dabei entfaltete er eine schier unglaubliche Palette an Nuancen, in denen er die ganze Zerrissenheit dieser Musik, die unzähligen kleinen, eigentlich unpassenden Einschübe und Stilbrüche geradezu zelebrierte. Da weisen die geheimnisvoll gespielten Akkordmodulationen im langsamen Satz bereits auf Schubert hin, während die virtuose Explosion im Schlusssatz in ihrer brillanten Motorik wie ein Amok laufender Johann Sebastian daherkommt. Assistiert wurde Stadtfeld von dem souverän agierenden Mannheimer Mozartorchester unter der engagierten Leitung von Timo Jouko. Vor, zwischen und nach den Klavierkonzerten beleuchteten die Musiker den Übergang vom Barock zur Epoche der Empfindsamkeit und des Sturm und Drangs. Ohne die Grundierung durch das Basso-Continuo-Cembalo, dafür aber virtuos, mit ausdrucksvoller Klangrede und äußerst dynamisch überzeugte das Orchester besonders mit Johann Friedrich Faschs Sinfonie in B-Dur und Johann Adolph Hasses „Sinfonia g-Moll“. Wunderbare, stilsichere Darstellungen waren das – die allerdings niemals an die Faszination des Exzentrikers Martin Stadtfeld heranreichten.