Mittwoch, 30.05.2012 |

 

03.02.2012 19:24 Uhr | 127x gelesen
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Sozialrevolution mit Klassik


Zwei Jahre lang haben Michael Kaufmann und Stefan Piendl für ihr neues Buch über „El Sistema“ recherchiert. Trotzdem fühlen sie sich „nicht in der Lage“, eine „wirklich belastbare Haltung zu vielen Themen“ einzunehmen. Man müsse einen „gewissen Zeitraum“ selbst in Venezuela gelebt haben, schreiben sie im Nachwort.


Dabei gibt es genügend Berichte über das südamerikanische Land. Deswegen liest sich ihr Buch „Das Wunder von Caracas“ eher wie ein PR-Text. Immerhin wird die Geschichte von „El Sistema“ umfassend nachgezeichnet.

„El Sistema“ ist eine staatliche Stiftung, die Musikschulen und Orchester in Venezuela vereint. Gerade jungen Menschen aus Armenvierteln soll durch Musik eine Perspektive geschenkt werden. Gegründet wurde „El Sistema“ 1975 von José Antonio Abreu. Heute zählt die Stiftung 400 Orchester, 342 Chöre und 230 Musikschulen mit 4000 Lehrern. Derzeit werden 350 000 Kinder und Jugendliche unterrichtet, 2015 soll die Millionenmarke erreicht sein. Berühmt geworden ist „El Sistema“ durch das Simón Bolívar Jugendorchester und Gustavo Dudamel. Dirigenten wie Claudio Abbado, Simon Rattle oder Daniel Barenboim und die Berliner Philharmoniker haben mitgeholfen.

Das ist positiv, doch sobald es um Politik geht, halten sich Kaufmann und Piendl heraus. Dabei ist es nicht unproblematisch, dass „El Sistema“ seit Anfang 2011 direkt dem Büro des Staatspräsidenten Hugo Chávez unterstellt ist. Bei seinem Amtsantritt 1998 hatte dieser eine marxistisch-leninistisch geprägte „Bolivarische Revolution“ ausgerufen. Seine Politik ist geprägt von aggressiver Verstaatlichung und autoritärer Macht, auch wird er für die angewachsene Kriminalität verantwortlich gemacht.

Rigoros geht Chávez gegen jede Opposition vor. Während „El Sistema“ großzügig unterstützt wird, regiert an vielen Universitäten der Rotstift, denn dort regt sich heftiger Widerstand. „Wir räumen gerne ein, dass wir kein politikkritisches Buch schreiben wollten“, schreiben Kaufmann und Piendl. Immerhin können sie „nachvollziehen“, dass eine „kritische Auseinandersetzung“ mit der Präsidentschaft von Chávez stattfinde.

Zumindest zitieren sie Barenboim, der kritisch fragt: „Was macht Abreu mit der rein musikalischen Qualität des Projekts“ Rattle mahnt eine Erweiterung des Repertoires an, und die Berliner Philharmoniker nehmen sorgenvoll zur Kenntnis, dass die Kooperation mit „El Sistema“ seit 2009 ruht. Diese musikalischen Probleme offenbarte eine Kooperation im August 2011 zwischen dem Bundesjungendorchester (BJO) und dem Jugendorchester Teresa Carreño (TC) aus Caracas von „El Sistema“ (wir berichteten). Bei den Zugaben saßen die BJO-Musiker mit Jacken in den Nationalfarben Venezuelas auf der Bühne. Schon Abbado, Barenboim oder Rattle haben das mitgemacht, die Fotos sind in dem Buch dokumentiert: willkommene Propaganda für Chávez.

Bei „El Sistema“ gibt man sich politisch unabhängig, über Missstände im Land spricht man allerdings nicht. Kaufmann und Piendl hätten die Stärken und Schwächen von „El Sistema“ herausarbeiten müssen. Die Stärken sind das soziale Engagement, die Schwächen liegen in der Nähe zur Politik und im Musikalischen. Jedenfalls ist es nicht nachvollziehbar, dass die Orchester von „El Sistema“ bei wichtigen Klassik-Festivals und großen CD-Labels vertreten sind.

Michael Kaufmann, Stefan Piendl: „Das Wunder von Caracas. Wie José Antonio Abreu und El Sistema die Welt begeistern.“ Irisiana. 232 Seiten, 19,99 Euro.


Von Marco Frei

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