Wagnerscher Tand
Bayreuth (DK) Richard Wagner war ein erklärter Hunde-Fan. Einer seiner Vierbeiner – "der treue Russ" – ruht und wacht sogar unter eigener Grabplatte unmittelbar neben der letzten Ruhestätte seines Herrchens im Park der Villa Wahnfried, Wagners stattlichem Bayreuther Wohnhaus. Hier findet man neben den obligatorischen Kränzen entrückt dreinblickende Festspielbesucher oder Möchtegern-Isolden, die eine Rose auf dem Grabstein Richards platzieren. Normalerweise. Vor einigen Tagen aber lag auf dem Russ-Grab plötzlich ein riesiger Kauknochen, schön dekorativ mit roter Schleife verziert und der Aufforderung: "Lieber Russ, pass bitte auch weiterhin gut auf unseren Meister auf". Binnen weniger Stunden war die liebeswerte Grabgabe leider verschwunden – dahin gerafft wohl von einer Russ-Reinkarnation.

Streng blickt die Büste des Meisters Richard Wagner über den Bayreuth-Wein des Würzburger Juliusspitals und die Festspielhaus-Schneekugel. - Foto: Angerer-Winterstetter
Wollte der unbekannte Kauknochen-Spender an die eigentliche Aufgabe des treuen Vierbeiners erinnern? Geht man nämlich etliche Schritte weiter in die Richard-Wagner-Straße, so wirbt eine lebensgroße Kunststoff-Nachbildung von Russ (aus der genialen Aktion "Wagners Hund" des Künstlers Ottmar Hörl anno 2004) in einem Schaufenster ausgerechnet für Nagelverlängerung! Man stelle sich Wagners Walküren beim schweißtreibenden Kampfesgeschäft vor: da splittert so ein teuer aufgepappter Kunstnagel schnell – und schon macht man in Walhall keine gute Figur mehr. Das Problem gibt es allerdings auch bei den neuen grauen Hosenanzügen zum Brombeer-Shirt für die Türsteherinnen im Festspielhaus. So sind die Festspiele zwar ihre berühmten "blauen Mädchen" los, aber dafür um ein Alleinstellungsmerkmal reicher.
Apropos Brombeer: Schändlich, dass Bayreuths "Meistersinger"-Tee noch immer nach Himbeere und nicht nach Bayreuths neuer Hausfrucht schmeckt! "Thymian Tee & Ambiente" in Bayreuth versorgt den Wagnerianer dennoch auch mit nützlichen Informationen: etwa, dass "Siegfrieds Drachenblut" als Rooibostee mit Blutorangengeschmack fünf Minuten ziehen muss. Zur Zubereitung empfiehlt sich unbedingt enthärtetes Wasser aus der Tiefe des Rheins!
Und wem der "Grüne Hügel" mit Pfefferminze oder gar eine aktuelle Inszenierung zu sehr auf den Magen geschlagen ist, der möge in "Parsifal", dem "magenmilden Früchtetee", Erlösung suchen. Verführbare lockt ein Haus weiter Klingsors, nein: Klein’s Confiserie-Paradiesgarten. Hier entdeckt man unter Garantie die Schokoladenseiten der Festspiele – und das unwiderstehliche Angebot "Espresso und Richard-Wagner-Praliné" für sagenhafte 1,85 Euro. Seit zwei Jahren verbirgt sich unter dem Konterfei des Meisters allerdings kein Kirschwasser mehr, sondern schmelzender Macadamia-Nougat. Weil Richard antialkoholisch im Ausland einfach besser zieht. Leider ist das Schokoparadies in der Richard-Wagner-Straße zu weit vom Hügel entfernt, um sich hier in den Pausen über die schlechte Festspielgastronomie hinweg trösten zu können. Bayreuther Wagner-Devotionalien taugen aber eindeutig auch für den schnöden Alltag. So adelt das Festspielhaus als lustiger Einkaufschip am Schlüsselanhänger jeden Discounter-Einkaufswagen – einfach mit oder ohne Leitmotiv einschieben und losshoppen. Aber bitte mit dem richtigen Riecher. Den hat auch Bernadette Fudalla aus dem neuen Bayreuth-Shop in der Kanzleistraße.
Bei ihr gibt es nicht nur das peppige T-Shirt "Fafner" mit Originalzitaten und das notenbemalte Pendant "Brunhild" (auch in XXL), sondern auch eine Designer-Tasse von Künstlerin Kerstin Rank, limitiert auf 24 Exemplare. "Richards Riecher für Musik" lesen wir da auf edlem Porzellan – und kaum hat man das Prachtexemplar für schlappe 59 Euro in der Hand, da hält man ihn auch schon am berühmt großen Riecher, Pardon: am Henkel, den Richard. Streng blickt dazu die Büste des Meisters im Regal. Und schielt verdrießlich auf den Bayreuth-Wein des Würzburger Juliusspitals, den sich Wagner mit der Markgräfin Wilhelmine, Franz Liszt und Jean Paul teilen muss, weil es in Bayreuth eben doch noch andere Prominenz gibt. Wie in jedem Jahr bei der Festspiel-Eröffnung.
Für alle, die da nicht dabei sein konnten, empfiehlt sich nicht zuletzt die Festspielhaus-Schneekugel, die im (Hand)umdrehen ein wenig Flair vom roten Teppich in jedes Heim zaubert. Heia, wie flattern sie lustig, die glitzernden Flöckchen! Und bei "San Remo" in der Fußgängerzone gibt es dazu "Die Symphonie für den Mund", das erste und einzige Richard-Wagner-Eis der Stadt. Zum Dahinschmelzen lecker. Aber in Birne-Holunder. Russ steh mir bei – schon wieder die falsche Frucht!
Von Barbara Angerer-WinterstetterKommentare
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