Woran erkennen Sie, dass Wörter vom Aussterben bedroht sind?

Bodo Mrozek: Wenn sie sich altmodisch anfühlen. Oder wenn wir nicht mehr wissen, was das Wort genau bedeutete. Bedrohte Wörter sind grundsätzlich Wörter, bei denen wir annehmen müssen, dass schon künftige Generationen nichts mehr mit ihnen anzufangen wissen.

Aber Sprache ist doch etwas Lebendiges: Pro Tag kommen mindestens zwei neue Wörter hinzu. Vielleicht sind die schöner und nützlicher als "Affenfett" oder "Düffeldoffel" . . .

Mrozek: Vielleicht sollte ich die beiden Wörter erst mal erklären. Fangen wir mit dem "Affenfett" an: Das ist eine Sprachschöpfung aus der Zeit der Mangelwirtschaft im Nachkriegsdeutschland. Das "Affenfett" war in der sowjetischen Besatzungszone ein Fleischersatzprodukt. Das Wort "Düffeldoffel" geht zurück auf den SPD-Politiker und eifrigen Wortschöpfer Herbert Wehner, der während seiner Amtszeit im Bundestag durch allerlei Zwischenrufe auffiel. "Düffeldoffel" war eine Herabwürdigung für den politischen Gegner.

Beides sind natürlich Kunstwörter. Sehen Sie denn eine konkrete Gefahr, dass wir irgendwann unsere Klassiker nicht mehr verstehen?

Mrozek: Um bei den Beispielen zu bleiben: Beide Wörter haben sich überlebt, weil es die Dinge, die sie bezeichnen – wie das "Affenfett" – heute nicht mehr gibt. Oder weil ein Schimpfwort wie "Düffeldoffel" heute niemanden mehr ernsthaft aufregt. Es stehen ja ganz andere und viel kräftigere Schimpfwörter bereit. Aber ich finde es grundsätzlich schade, wenn ein Wort so kalt abserviert wird, weil an jedem doch eine Geschichte hängt, die oftmals unterhaltsam ist. Diese Geschichten möchte mein Lexikon erzählen.

Wie wollen Sie diesem "Aussterben" von Wörtern entgegenwirken? So was lässt sich ja nicht verordnen.

Mrozek: Von verordneter Sprache und Sprachpolitik halte ich sehr wenig. Aber anders als beim Waldsterben oder beim Walsterben können wir beim Wörtersterben selbst eingreifen. Wir müssen die Wörter ja nur wieder in den Mund nehmen. Darum setze ich auf Prävention. Um das Ausmaß der Bedrohung einmal zu verdeutlichen: Im Lexikon sind 400 Wörter versammelt. In einem weiteren Schritt habe ich aber die Aktion Artenschutz gegründet. Interessierte Wortfreunde können im Internet unter www.bedrohte-woerter.de Artenschutz für ein bedrohtes Wort ihrer Wahl beantragen. Geeignete Exemplare setze ich dann auf die Rote Liste. Als eine Art "Denk mal".

Wie wird dieses Angebot angenommen?

Mrozek: Ich war überrascht über die beträchtliche Resonanz. In den vergangenen sechs Wochen gingen mehr als 5000 Anträge auf bedrohte Wörter ein.

Welche Wörter wurden denn da genannt?

Mrozek: Bei 5000 sind natürlich fast alle Arten von Wörtern dabei. Man kann verschiedene Wortgruppen unterscheiden: Einmal Wörter, die schon fast ausgestorben sind, weil sie nur noch alten oder sehr belesenen Menschen etwas sagen, so genannte Archaismen. "Weiland" oder "itzo" könnte man hier anführen. Dann gibt es Wörter aus der jüngeren Vergangenheit, die unsere Generation vielleicht gerade noch so einordnen kann. Etwa die "Karbolmaus". Damit war zu Kriegszeiten eine Krankenschwester gemeint. Und eine dritte Gruppe bilden die Wörter, die wir noch benutzen, aber deren Ursprung wir nicht mehr kennen. Z. B. der Stegreif. Mittlerweile verbreitet sich hier schon eine falsche Schreibweise – mit einem "h". Tatsächlich kommt dieses Wort aber nicht von "stehen" und "greifen". Der Steg-Reif bezeichnete früher einen Steigbügel, einen Metallreifen, der mit einem Steg abschloss und dem Stiefel des Reiters Halt gab. "Aus dem Stegreif" bedeutete: etwas tun, ohne dabei vom Pferd zu steigen, quasi im Vorüberreiten.

Gibt es Wörter, deren Verlust Sie besonders bedauern würden? Welche und warum?

Mrozek: Das ist schwer zu sagen. Wenn man viele hundert Wörter gesammelt hat, sind die einem alle ans Herz gewachsen, da möchte man keines bevorzugen. Grundsätzlich finde ich aber besonders die Wörter interessant, die besonders typisch sind für eine Epoche oder eine Zeit und deren Geschichte erzählen können. Zum Beispiel das Wort "Familienplanung", das eigentlich eher sein eigenes Gegenteil bedeutete, nämlich Empfängnisverhütung. Heute nennt man die Dinge sehr direkt beim Namen und braucht solches Verlegenheitsdeutsch immer weniger. Oder das herabwürdigende Wort "Amisette", mit dem in der Nachkriegszeit deutsche Fräuleins bezeichnet wurden, die mit amerikanischen Soldaten ein Stelldichein hatten. Das war anfangs sogar verboten, nachdem aber allein im Jahr 1949 rund 13 000 Ehen geschlossen wurden, ließ man dieses diskriminierende Wort fallen.

Wie sprechen Sie eigentlich? Sagen Sie "Benzinkutsche" statt "Auto" oder "potztausend" statt "erstaunlich"?

Mrozek: Ich bin ein relativ moderner Mensch und spreche ganz normal. Aber wenn man einmal angefangen hat, sich mit dem Thema bedrohte Wörter zu beschäftigen, sieht man plötzlich überall bedrohte Wörter und plötzlich neigt man dazu, sie zu benutzen. Ich merke auch, dass viele Menschen schon von diesem Virus infiziert sind und möchte ausdrücklich davor warnen. Denn man läuft Gefahr, ein bisschen wunderlich zu wirken .

Haben Sie denn das Buch für bestimmte Berufsgruppen geschrieben, etwa Lehrer oder Journalisten, die eben besonders viel mit Sprache zu tun haben?

Mrozek: Nein. Beim Thema Sprache haben wir es ja mit der absurden Situation zu tun, dass man sie allgemein für so kompliziert hält, dass man ständig nach Experten ruft. Das mag auch daran liegen, dass die deutsche Rechtschreibung ähnlich wie die Steuergesetzgebung nicht auf einen Bierdeckel passt. Von daher werden viele Menschen immer sehr ernst, manche regelrecht verbittert. Rechtschreiben hat ja auch viel mit Rechthaben zu tun. Ich bin aber der Meinung, dass wir alle Experten sind, wenn es um Wörter geht, denn ohne sie können wir uns kaum verständigen. Mein Buch richtet sich daher an jeden, der ein bisschen mehr über seine eigene Sprache nachdenken möchte.

Es gibt im Internet auch ein Wortmuseum und eine Ausstellung dazu, die kommende Woche in Ingolstadt Station macht. 52 alte Wörter werden da erklärt von "karessieren" bis "flattieren". Sehen Sie das als Konkurrenz?

Mrozek: Nein, überhaupt nicht. Das ist eine sehr schöne Initiative. Aber sie unterscheidet sich von meinem Projekt, weil es dort ja um tatsächlich veraltete, schon ausgestorbene Wörter geht. Ich sammle eher Wörter, die gerade so auf der Kippe stehen. Mir geht es in erster Linie um Prävention.

Bodo Mrozek: Lexikon der bedrohten Wörter, Rowohlt, 224 Seiten, 8,90 Euro.