Salzburg: Haarige Effekte
Theater mit Haut und Haaren: Cecilia Bartoli übernimmt die androgyne Kastratenpartie des Ariodante, seine Geliebte Ginevra wird von Kathryn Lewek verkörpert. - Foto: Rittershaus
Salzburg

Es wäre viel zu kurz gegriffen, den überwältigenden Erfolg der diesjährigen Opernproduktion, Georg Friedrich Händels "Ariodante" (aus dem Jahr 1735), allein an der Gesichtsbehaarung des Helden festzumachen. Hier gelingt vielmehr einfach alles. Als Regisseur hat die Bartoli den Deutschen Christof Loy engagiert. Eine ungewöhnliche Lesart der Oper oder eine besondere bildgewaltige Bühnenoptik hat er dabei nicht im Gepäck. Die Genialität dieser Produktion liegt vielmehr im Detail, im bruchlosen Zusammenspiel von hochmusikalischer Regie, Schauspiel, Gesang, Tanz und Orchesterbegleitung.

Loy lässt von Beginn an die Personen der Oper wie ein überkandideltes Figurenkabinett durch die hermetisch abgeschlossenen holzvertäfelten Räume von Bühnenbildner Johannes Leiacker wieseln. Jede Bewegung ist hochartifiziell abgezirkelt, Frisuren und Kostüme purer Manierismus. Hier wird eine vorrevolutionäre, total gekünstelte Gesellschaft gezeigt, in der Etikette und Mode alle echten Probleme überlagern. In diese Welt kommt der Ritter Ariodante (Bartoli) wie ein fremder Märchenritter, ein Mann mit echten Gefühlen.

Das Drama scheint schnell zum Ziel zu führen: Ariodante und Ginevra, die Königstochter, lieben sich, ihr Vater wünscht sich eine baldige Hochzeit. Kein Konflikt ist in Sicht - wenn da nicht Herzog Polinesso wäre, der aus purem Machtkalkül ebenfalls Ginevra heiraten möchte und eine Intrige spinnt. Zusammen mit der als Ginevra verkleideten Hofdame Dalinda täuscht er ein Verhältnis mit der Königstochter vor. Der Vater will sie daraufhin verstoßen, Ariodante sich vom Felsen stürzen. Am Ende entscheidet ein Gottesgericht im Kampf: Polinesso wird erschlagen, der Betrug aufgedeckt, die Hochzeit kann endlich nach vielen Seelenqualen stattfinden.

Im Zentrum des Geschehens steht natürlich die Bartoli als Ariodante. Vom geharnischten, bärtigen Ritter (eigentlich eine Kastraten-Rolle) verwandelt sie sich im Laufe der Oper zur Frau. Als sie das Kleid der fremdgehenden Ginevra sieht, umarmt sie es und zieht es an. Bald ist sie wieder mit blanken Wangen zu sehen, eine echte Bartoli, während Ginevra immer männlicher erscheint. Währenddessen werden in zwei Sprechsequenzen Zitate aus Virginia Woolfs "Orlando" im Off gesprochen - auch Literatur über den Zwischenzustand zwischen Mann und Frau.

Bartoli gestaltet ihre Partie mit grandioser Spielfreude. Ihr Kabinettsstückchen ist die Arie "Con l'ali di costanza", in der sie neben den mit maschinengewehrartiger Präzision vorgetragenen Koloraturen noch übereifrige Höflinge abwehrt, von Polinesso mit Orangenlikör abgefüllt wird, in zunehmender Betrunkenheit einen Schluckauf markiert und schließlich schwindelig in die Arme eines Dieners sinkt. Was für eine unglaubliche, hochvirtuose Slapsticknummer!

Aber: Können andere Darsteller sich neben solchen akrobatischen Superstar-Qualitäten überhaupt noch behaupten? Sie können. Denn Cecilia Bartoli hat fantastische Sänger engagiert, und Loy entwickelt mit ihnen komplexe Charakterstudien.

Am überzeugendsten vielleicht der Countertenor Christoph Dumaux als Gegenspieler Polinesso: ein schlaksiger, übermütiger Beau, der offenbar davon ausgeht, dass ihm das Schicksal hold ist und überhaupt alle Frauen zu Füßen liegen. Und wo das nicht der Fall ist, da greift er einfach gewalttätig zu - ein bisschen ein Typ wie Donald Trump. Aber wie könnte man ihm widerstehen, allein dieser mächtigen, goldenen, den Saal in Schönheit durchflutenden Stimme.

Oder Kathryn Lewek als Ginevra. Im zweiten Akt stürzt sie in tiefe Depression, alles Artifizielle fällt von ihr ab, und die Zeit scheint auf einmal stillzustehen. Ihre zunächst so quicklebendige, farbenreiche Stimme formt nun lange, berührende Gesten. Eine vokale Sensation auch sie. Oder Nathan Berg als König, ein grober, viriler Bass, der aber auch zu wunderbarer Feinarbeit fähig ist. Unauffälliger agieren dagegen Sandrine Piau als Dalinda und Norman Reinhardt als Ariodantes Bruder Lurcanio.

Überhaupt nicht unscheinbar hingegen ist das Orchester Les Masiciens du Prince aus Monaco, das im vergangenen Jahr auf Anregung von Cecilia Bartoli gegründet wurde. Die Musiker unter der Leitung des auch als Philosophen und Musikwissenschaftler hervorgetretenen Dirigenten Gianluca Capuano spielen im historischen Originalklang nach allen Regeln der Kunst und mit Unterstützung von Trommeln und anderem barockem Schlagwerk. Aber die Kunst der Musiker reicht noch viel weiter. Hochexpressiv gestalten sie fast perkussiv abgezirkelte Streicherpassagen, Momente von fast schon geräuschhafter Gewalt. Capuano gelingt es beeindruckend, die riesige Spannweite zwischen tänzelnder höfischer Unterhaltungskunst und stockender, eisiger Seelenbedrängnis in Händels Oper auszuschöpfen.

Am Ende herrscht Hochzeitsjubel auf der Bühne. Aber das Liebespaar Ginevra und Ariodante kann nach all den nachbebenden Gefühlskatastrophen nicht mehr lachen, es verlässt verstohlen den Saal.

Weitere Aufführungen: 16., 18., 22., 25. und 28. August; Kartentelefon: (00 43) 66 28 04 55 00.