Mittwoch, 30.05.2012 |

 

07.02.2012 19:43 Uhr | 244x gelesen
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"Elektra" als Krimi-Melodram


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Regensburg (DK) Das Trauma, das Elektra mit sich herumträgt, passt in einen roten Karton. In der Schachtel, in der Agamemnon ihr einst ein Geschenk übergab, bewahrt sie nun die Erinnerungsstücke an den ermordeten Vater auf. Doch das Schließen des Deckels kann die fürchterlichen Bilder der Vergangenheit nicht bannen: Auf halber Treppe lag das Kinderzimmer, von deren Tür aus sie ihre Mutter Klytämnestra und deren Geliebten Aegisth auf dem todbringenden Weg in des Vaters Schlafgemach beobachtete.


Regensburg: "Elektra" als Krimi-Melodram
Tragödie in Filmästhetik: Szene aus der „Elektra“ am Theater Regensburg - Foto: Zitzlsperger
Die real gespielten, nur durch effiziente Lichtwechsel (Martin Stevens) markierten Rückblenden verorten das Geschehen zusammen mit dem düster-mondänen Art-déco-Flair des Bühnenraums (Michael Heinrich) in der Kinoästhetik der 1930er und 40er Jahre. Regisseur Kay Metzger hat dabei freilich keine historisch-politischen Konnotationen im Sinn, vielmehr scheint er im Filmgenre des Krimi-Melodrams einen Schlüssel zur Personenführung gesucht zu haben.

Am deutlichsten wird dies in der Figur der todkrank die Treppe sich herunterschleppenden Klytämnestra, die einer Begegnung mit der rachebesessenen Tochter nur mit Tabletten, Flachmann, Zigarette und im Rollstuhl sitzend halbwegs gewachsen ist. Metzger lässt die beeindruckend präsente Manuela Bress, die allerdings die Gesangslinie allzu oft ins rein Deklamierende verlässt, hemmungslos chargieren; die Grenzen zur Karikatur verlaufen (unfreiwillig) fließend. Beinahe als Zitat aus Hitchcocks „Psycho“ wirken schließlich die unzähligen Messerstiche, mit denen Orest den besoffenen Schwächling Aegisth (Enrico Lee mit überzeugendem Kurzauftritt) meuchelt.

In der Erkennungsszene mit Elektra wird das Problem von Metzgers Ansatz deutlich. Statt seine Darsteller glaubhaft zueinander in Spannung zu setzen, muss wieder eine Rückblende – die Geschwister beim unbeschwert kindlichen Spiel – die szenische Beglaubigung liefern. Das Gegenteil ist der Fall: Dass sich Beide gerade jetzt inzestuös auf dem Boden wälzen, wirkt wenig zwingend.

Dabei hätte Metzger gerade hier allen Grund gehabt, der überwältigenden Kraft von Strauss’ Musik und der Qualität des Ensembles zu vertrauen: Was Sabine Hogrefe in der mörderischen Titelpartie leistet, ist überragend. Aus einer warmen, voluminösen Tiefe heraus setzt sie immer wieder Höhenenergien frei, die sich spielend über das Orchester erheben. Zudem gelingen ihr atemberaubende, vom Pianissimo aus gesteigerte Spitzentöne – ein Vokalereignis. Höhepunkte sind ihre Szenen mit dem markanten, sein raumfüllendes Material klug differenzierenden Orest Seymur Karimovs und mit der wunderbaren Chrysothemis Allison Oakes’. Wie sie die nach einem ganz normalen „Weiberschicksal“ sich sehnende Schwester, deren innere Verletzung ein ständiges Nasenbluten markiert, gesanglich zwischen dramatischer Attacke und verzweifeltem Aufblühen gestaltet, ist ihrer Partnerin jederzeit ebenbürtig.

Heimlicher Protagonist des Abends ist freilich das Philharmonische Orchester: GMD Tetsuro Ban steuert das fabelhaft aufgelegte Kollektiv mit rhythmischer Präzision und detailgenauer Ruhe durch die Strauss’schen Klangeruptionen. Nur ganz selten läuft am zu Recht umjubelten Premierenabend die Dynamik und damit bisweilen auch die Intonation aus dem Ruder, beispielhaft gelingt die seismografische Analyse der bebenden Gefühlswelten.

Und für das unversöhnliche Ende liefert dann auch Kay Metzgers von den Kindheitstraumata der Figuren ausgehende Interpretation ein packendes Bild: Orest und Chrysothemis haben sich aus ihrem alten Schlafzimmer ihr Lieblingsspielzeug geholt. Während der eine versonnen den Brummkreisel in Bewegung hält und die andere ihre Puppe herzt, fährt Elektra wie im Wahn im mütterlichen Rollstuhl auf und ab. Eine neuerliche Rückblende wäre nicht nötig gewesen, um klarzumachen, dass den Zurückgebliebenen kein innerer Friede beschert sein wird.

 


Von Juan Martin Koch

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