Regensburg: Das Leben ist eine Baustelle
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Regensburg

Der Bus ist rappelvoll. Künstler, Galeristen, Kunstinteressierte, Pressevertreter. Es gibt Wacholderschnaps, der nach Brennspiritus riecht. Draußen zieht die Stadt vorbei. Aber diese Passagiere fahren nicht einfach ins Einkaufszentrum, wo das größte Werk hängt. "Prophecy of things" von Anetta Mona Chisa und Lucia Tkácová hüllt das als "Parkspindel" bekannte Parkhaus gleich vollends ein. 612 Quadratmeter misst die Fotomontage. Jedes andere Werk der 14 osteuropäischen Künstler nimmt sich bescheidener aus als dieses Bild eines zerbrochenen Smartphone-Displays. Kein Problem scheint dem modernen Menschen zentraler. Aber nicht allein der Kommerz wird kritisch kommentiert. Anetta Mona Chisa und Lucia Tkácová schaffen aus Zerstörtem neue visuelle Welten.

Diese gewaltige Open Air Gallery ist eine kritische Auseinandersetzung mit den Prozessen unserer Zeit. Im Blickfeld sind vor allem die Donauländer im Osten. Den Wandel in der Kunst lässt sie aber keineswegs außen vor. "Die Zeiten, in denen junge Menschen in ein Museum gehen und vor einem Werk in Kontemplation verharren, sind vorbei", sagt Kuratorin und donumenta-Chefin Regina Hellwig-Schmid zur Ausstellungseröffnung auf dem Parkdeck 6 des Donau-Einkaufszentrums. Auch deshalb hat sich die renommierte Kuratorin gemeinsam mit ihrer Wiener Kollegin Annemarie Türk für eine Open Air Gallery entschieden. "Wir wollten den Nicht-Museums-Besucher ansprechen."

Einfache Fragen wie: "Was hängt denn da? Was soll das", sind für die donumenta-Macher eine willkommene Aufforderung. "Ja, wir wollen über Kunst reden", sagt Hellwig-Schmid, "überall wo die Frage aufkommt, auch während des Begleitprogramms und in den Bus- und Fußführungen."

"Under construction - 14 x 14" soll aber nicht nur zum Gespräch über Kunst anregen oder das Prozesshafte in Politik und Gesellschaft der Donau-Länder thematisieren. Nein, diese Ausstellung erhebt den Anspruch, den Prozess als solchen zum Gegenstand zu machen. "Bei der Suche nach Orten und Werken war alles jenem Wandel, jener Unvollkommenheit unterworfen, die dem Leben zwangsläufig innewohne", betont Hellwig-Schmid. Zugesagte Baustellen entstanden erst gar nicht, andere gingen insolvent. "Nichts war je sicher." Alles ist ständig "under construction".

Die Werke hängen an Baugerüsten von Gebäuden, Brücken oder an Parkhäusern. Orte, an denen täglich Hunderte Menschen passieren. Manches begegnet dem Betrachter nur in einem kurzen Augenblick, wie die Arbeit des ungarischen Künstler-Duos Lörinc Borsos "Never Ending Sorry". Wer mit dem Zug nach Regensburg reist, wird sie sehen am Bahngleis Südseite Blumenstraße 16a. Hier erinnert das Wortspiel an die Unvollkommenheit der "Kreatur und der Dinge".

Andere hängen an den Fassaden von Wohnhäusern wie Lucia Nimcovás schmutzige Hose eines Arbeiters aus der Slowakei im unkrainisch-polnisch-slowakischen Grenzgebiet. Hier bessern Ärzte oder Musiker ihren Lohn mit der Ernte von Waldbeeren auf.

Eine sensible Arbeit an einem durchaus sensiblen Ort zeigt Daniel Pesta mit seinem Werk "GEN Y". Der international bekannte Künstler aus Tschechien erinnert mit seinen Fotografien aus alten Familienalben an Persönlichkeiten und deren Erbinformationen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. "Kein Mensch ähnelt dem anderen", sagt er. "Jeder ist ein Individuum." Seine Arbeit hängt an der Baustelle zur neuen Synagoge in Regensburg.

Mit "under construction" ist auch eines der renommiertesten Kunstprojekte zurück in der Donaustadt. "Nach einer langen Pause ist die donumenta wieder da", sagt die geschäftsführende Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer. Mehr als zehn Jahre hat sie bereits Künstler aus Ost und West zusammengebracht. Mit diesem ungewöhnlichen Kunstprojekt setzt sie ihre Arbeit fort.