Pianistische Sternstunde im Festsaal
Ingolstadt (DK) Zuerst die Enttäuschung: Andreas Staier, der "König des Hammerklaviers", wie er von Kritikern genannt wird, ist nicht mit einem seiner historischen Instrumente angereist, sondern spielt in Ingolstadt auf einem ganz gewöhnlichen modernen Konzertflügel. Das ist bedauerlich. Zu gerne hätten wir den Pianist auf dem Feld bewundert, auf dem er in den letzten zehn, zwanzig Jahren Exemplarisches, Umwälzendes, ja Revolutionäres geleistet hat.
Man kam an diesem Abend im Festsaal aus dem Staunen kaum heraus. Alles war irgendwie anders gestaltet, als man die Klassiker Haydn und Mozart sonst zu hören gewohnt war. Und selbst der Steinway des Konzertvereins, den man schon so oft vernommen hat, schien ganz andere Töne zu produzieren, härtere, perkussivere, farbigere, feinere.
Zunächst allerdings, beim ersten Satz der Mozart-Sonate, verzauberte Staier durch sein kantables Spiel. Kaum je hat man in diesem Saal so innig, so leise, gleichsam singende Klaviermusik gehört. Da wartete Staier mit schier unendlichen Anschlagsvarianten auf, schien jedem Ton einen ganz eigenen Charakter verleihen zu wollen und schreckte dabei weder vor einer ziemlich freien, agogischen Spielweise zurück noch vor Verzierungen. Doch trotz aller raffinierten Effekte blieben Staiers Klavierkünste schlicht, respektvoll.
Einen ganz anderen Eindruck hinterließen die anderen Sätze der Mozart-Sonate und auch die Variationen G-Dur über "Unser dummer Pöbel meint" nach einer Melodie von Christoph Willibald Gluck. Hier zeigte Staier überzeugend, dass er die Möglichkeiten des modernen Steinways durchaus zu nutzen weiß – vor allem dessen überragende Dynamik. Staier knallte, wenn es erforderlich war, donnernde Bässe und saftige Akkorde in die schwarz-weißen Tasten. Das tut den Werken gut, sie wirken so keinen Augenblick gekünstelt. Besonders bei den Variationen fällt auf, was vielleicht das Geheimnis von Andreas Staiers Klavierkunst ist: sein ungeheurer Wille zur Sorgfalt. Noch eine andere Qualität erhält Staiers tiefer musikalischer Ernst bei seinen Haydn-Deutungen. In den melancholischen f-Moll-Variationen (Hob. XVII/6) lotete er wie vielleicht kein anderer Pianist es vermag, die Zerrissenheit, die tiefen Konflikte des Notentextes aus, ohne dabei jemals in die Gefahr zu geraten, aufgesetzte Tragik zu produzieren.
Überraschendes, Rätselhaftes dann nach der Pause: Mozarts sehr selten gespieltes Suitenfragment, ein Werk, das ganz und gar nicht zum klassischen Stil des Komponisten passen will. Das ungewöhnliche Stück wirkt, als stamme es aus der Feder eines Händel-Zeitgenossen. Staier spielt dennoch mit klassischem Musikverständnis. Er kostet die gelegentlich etwas unbarocke Melodik aus und geht ziemlich frei mit den barocken Formschemen um.
Zum Ende erklang noch einmal mit Haydns 52. Sonate ein wirkliches Meisterwerk. Staier gestaltete den Kopfsatz, als wollte er das Werk zur Symphonie orches-trieren, zauberte helle Glockenklänge, wuchtige Streichertutti und feine Bläsersoli. Und im Finale verblüffte er mit rasenden Läufen, dumpf-trockenen Basslinien, dröhnenden Akkorden und unendlichen luftigen Melodien. Ein hinreißend virtuoser Abschluss, der nur noch durch die Zugabe überboten wurde: dem Andante cantabile aus der Sonate KV 330. Was für ein tief empfundener Ausklang einer pianistischen Sternstunde.
Jesko Schulze-Reimpell, Donaukurier
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