Pfaffenhofen: Frauen als Wechselgeld
Der pakistanische Beststellerautor Mohammed Hanif war nach der deutsch-englischen Lesung seines neuen Romans viel gefragt - Foto: Asbeck
Pfaffenhofen
Von Karatschi, Pakistan, direkt nach Pfaffenhofen, so begrüßte Kopetzky seinen Schriftstellerkollegen Mohammed Hanif, der bereits 2009 ebenfalls im Laune machenden Gespräch mit Kopetzky seinen hoch gelobten Debütroman „Eine Kiste explodierender Mangos“ vorgestellt hatte – ausgezeichnet unter anderem mit dem Corine-Preis.

Sein Erstling habe als ironisches und gleichzeitig unerwartet heiteres Buch auch einige „Heiligtümer“ des pakistanischen Staates aufs Korn genommen, fragte Kopetzky nach den Reaktionen in der Heimat des Autors. Er sei plötzlich in Pakistan berühmt geworden, das sei eigentlich sein einziges Problem, sagte Hanif mit einem Schmunzeln – viele Medienvertreter würden ihn jetzt anrufen und seine Meinung zu Themen wie Kochen, Mode und Politik erfragen wollen. Grundsätzlich habe die pakistanische Öffentlichkeit aber sehr positiv auf seine neue literarische Stimme reagiert: „Das zeigt, dass Pakistan anders ist, als wir gemeinhin denken.“

Mit seinem eindringlichen und pointenreichen Erzählstil nimmt Hanif auch in seinem neuen Roman „Alice Bhattis Himmelfahrt“ die Probleme einer Gesellschaft aufs Korn, die bis heute aufgrund der Fragen von Religion, Herkunft und Klasse in sich zerrissen ist. Nach einer Zeit in London lebt Hanif seit 2008 wieder in Karatschi. In Pakistans größter Stadt und Hafenmetropole „wird Politik mit der Kalaschnikow gemacht“, schreibt der „Spiegel“, bekriegen sich die Nachfahren indischer Einwanderer und zugezogene Paschtunen.

Im Sog dieser für viele „gefährlichsten Stadt der Welt“ findet der im Jahr 1965 geborene Autor, der auch als BBC-Korrespondent arbeitet, seine Inspirationen. „Die City ändert jeden Moment ihr Gesicht“, beschreibt er die Faszination für das Chaos in der Metropole. Alltagsbeobachtungen lässt er mit teils schwarzem Humor in vielschichtige Erzählungen einfließen.

Standen in seiner ersten Satire um Macht und Militär drei Soldaten im Mittelpunkt, schreibt Hanif, der ehemalige Luftwaffenpilot, nun von einer Krankenschwester – eine Erinnerung als Teenager an eine schöne Nachtschwester, die am Krankenbett seiner Mutter wachte, als diese an einer Krebserkrankung starb. Schon der Name seiner Heldin, Alice Bhatti, weist auf das Spannungsfeld Okzident und Orient hin. Die Christin und Tochter eines Unberührbaren heiratet den Muslim Teddy Butt, „eine sehr, sehr dunkle Figur“, so Kopetzky – die Ehe steht unter keinem guten Stern.

Frauen als „Wechselgeld für irgendwelche Streitigkeiten“: Hanif meint, je mehr Frauen heute in der noch stark patriarchalisch geprägten Umgebung hervortreten, desto stärker werden sie von Männern attackiert. Die pakistanische Oppositionsführerin Benazir Bhutto sei Ende 2007 nicht wegen ihrer Politik umgebracht worden, „sondern, weil sie eine Frau war, die Macht hatte“, sagt Hanif.

Seine Heldin Alice Bhatti stirbt am Ende an einem Säureanschlag ihres Mannes, der von der Umgebung als Marienerscheinung gedeutet wird, als Apotheose. Die Strukturen der Gesellschaft, die auch den Täter zum Opfer machen, werden vom Autor ständig auf sehr subtile Weise hinterfragt, bitterböse und tragikomisch.

Und passend zur immer dunkler werdenden Geschichte, versinkt auch das Publikum in den Weiten der Kulturhalle in Pfaffenhofen, eine ehemalige Maschinenhalle, nach dem Sonnenuntergang ins Zwielicht, bevor zur stark nachgefragten Signierrunde grüne Strahler aufleuchten. Applaus.

Mohammed Hanif: Alice Bhattis Himmelfahrt. Aus dem Englischen von Ursula Gräfe, A1 Verlag, 270 Seiten, 19,90 Euro.