In einem unscheinbaren Kino hinter einem südkoreanischen Einkaufszentrum in Busan soll der neue Kurzfilm von Oscar-Preisträger Martin Scorsese Weltpremiere feiern. "The Audition" mit Leonardo DiCaprio und Brad Pitt soll ein Casino in Macau bewerben. Regie-Legende Scorsese
Oscar-Preisträger Martin Scorsese
© 2015 AFP
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Mr. Scorsese, nach dem elektrisierenden Finanz-Thriller "The Wolf of Wall Street" haben Sie mit "Silence" jetzt einen tiefreligiösen Film gemacht. Haben Sie keine Angst, dass Sie Ihr Publikum damit vor dem Kopf stoßen?

Martin Scorsese: Nein, denn wer mich kennt, der weiß, dass ich mich bei der Auswahl meiner Filme nicht festlegen lasse. Außerdem habe ich mich doch in fast allen meinen Filmen mit Schuld und Sühne, Glaube und Verzweiflung, Verrat und Erlösung befasst. Das sind ja in ihrer Essenz tiefreligiöse Themen. Schon vor 20 Jahren habe ich nach meinem Mafia-Thriller "Casino" mit "Kundun" einen sehr meditativen und spirituellen Film über den Buddhismus gemacht. Mein Publikum ist, glaube ich, erwachsen und neugierig genug, um gut damit umzugehen.

 

Stimmt es, dass Sie "Silence" schon seit 30 Jahren verfilmen wollten?

Scorsese: Ja, seit ich Shusaku Endos Buch 1988 gelesen habe, wollte ich es verfilmen. Das Buch handelt von zwei Jesuiten-Priestern, die im 17. Jahrhundert nach Japan reisen, um dort ihren geistlichen Mentor aufzuspüren. Von dem es heißt, er hätte unter schrecklichen Foltern seinem christlichen Glauben abgeschworen. Das konnten sie nicht glauben, und wollten sich selbst davon überzeugen, dass es nicht stimmt. Ich kann eigentlich gar nicht genau sagen, warum mir diese Geschichte all die vielen Jahre nicht mehr aus dem Kopf ging. Wahrscheinlich hat es damit zu tun, dass ich als suchender Katholik auch oft unter dem Schweigen Gottes gelitten habe.

 

Als Sie den Film schließlich fertig hatten, spürten Sie da eine kathartische Wirkung?

Scorsese: In gewisser Weise war das wirklich eine Erlösung. Denn ich habe lange damit gerungen, den richtigen Zugang zu finden. Es war nämlich alles andere als einfach das sehr komplexe Buch für die Leinwand zu adaptieren. Erst als ich mich mit dem Drehbuchautor Jay Cocks zusammensetzte, nahm das Script langsam Formen an, die mir gefielen. Endlich hatten wir ein Drehbuch, aus dem alles Überflüssige weg war: es ging nur noch um den spirituellen Kern der Story. Mit Jay hatte ich ja zuvor auch schon sehr erfolgreich bei meinen Filmen "Zeit der Unschuld" und "Gangs of New York" zusammengearbeitet und er wusste genau, was ich wollte. Wenn ich ganz ehrlich bin, ist der Film für mich - obwohl abgedreht - immer noch nicht fertig.

 

Können Sie das etwas näher erläutern?

Scorsese: "Silence" wird mich wohl den Rest meines Lebens begleiten. Weil der Film auch zeigt, dass der Glaube nicht etwas ist, was man für selbstverständlich nehmen kann. Man muss immer darum ringen. Es bleiben immer Fragen. Glauben heißt ja: nicht wissen. Glauben ist vertrauen. Und als echter Christ sollte man auch diesbezüglich ein Beispiel für andere sein. Deshalb versuche ich, mein Leben so verantwortungsbewusst und sinnvoll zu leben. Und zwar von Tag zu Tag.

 

In wieweit sind Ihre Filme persönlich oder gar autobiografisch?

Scorsese: Das ist eine gute Frage. Alle meine Filme haben einen sehr starken persönlichen Bezug. Ich befasse mich darin mit den Dingen des Lebens, die wohl in meine DNA eingeschrieben sind. Die mich nicht loslassen, denen ich auf die eine oder andere Art auf den Grund gehen muss. Ja, ich mache zum Beispiel Filme, in denen Menschen anderen Menschen schreckliche Dinge antun. Wenn jemand, wie ich, in den 50er- und 60er-Jahren in New York aufgewachsen ist, dann gehörte diese Art von Gewalt zum Alltag dazu.

 

Vor allem in Little Italy, wo die Mafia damals noch das Sagen hatte?

Scorsese: Ja, das hat mich sehr geprägt. Little Italy war mein Hafen, meine Stätte der Zuflucht und Gefängnis zugleich. Ich möchte an dieser Stelle auch noch betonen, dass ich in meinen Filmen nie Gewalt verherrlicht habe. Ich habe sie immer als das gezeigt, was sie ist: brutal, schrecklich, unmenschlich. Ich mache nun mal realistische Filme, die Menschen in der Krise zeigen, im Konflikt mit sich und Gott und der Welt, in einem moralischen Dilemma. Erinnern Sie sich noch an "Taxi Driver"?

 

Oh ja, sehr gut.

Scorsese: Bei "Taxi Driver" habe ich versucht, durch die exzessive Gewalt eine kathartische Wirkung herbeizuführen: Als Zuschauer wünscht man sich zuerst zwar, dass Travis Bickle bei seinem Rachefeldzug tötet, aber dann erschrickt man darüber - über das, was man auf der Leinwand sieht, aber auch über sich selbst. In allen meinen Filmen versuche ich die menschliche Befindlichkeit - und gerade auch den menschlichen Makel - zu ergründen. So gesehen sind sie auch autobiografisch - und zwar in einem spirituellen oder philosophischen Sinn.

 

Was bei Ihren Filmen auch auffällt, ist die Leidenschaft, mit denen sie gemacht sind . . .

Scorsese: . . . schön, dass Sie das sehen, denn das ist absolut der Fall. Ich bin nach all den Jahren immer noch ganz begeistert, wenn ich einen Drehort aussuche, eine Szene einrichte oder mit den Schauspielern einen Ablauf probe. Oder mir später, beim Schnitt, über die richtige Musik Gedanken mache. Das Filmemachen ist meine ganz große Leidenschaft. Seit Anfang 20 weiß ich, dass mein Glück - und manchmal auch mein Unglück - im Filmemachen liegt.

 

Dabei wollten Sie doch ursprünglich Priester werden?

Scorsese: Ja, aber ich wurde ja nicht ins Priesterseminar aufgenommen, was letztlich ein großes Glück für mich war. Denn ich bezweifle sehr stark, dass ich mich als Priester hätte so entfalten können. (Lacht) Vom Zölibat mal ganz zu schweigen. Aber ich bin immer noch religiös - oder um ein weniger belastetes Wort zu wählen: spirituell.

 

Für "Silence" gab es eine Sondervorführung im Vatikan. Wollten Sie sich so den Respekt von Papst Franziskus und einer Handvoll ausgewählter Jesuiten versichern?

Scorsese: Sie meinen, als Wiedergutmachung? Weil man mich dort vor 30 Jahren für meinen Film "Die letzte Versuchung" der Blasphemie beschuldigt hat? Nein, natürlich nicht. Den Film dort zu zeigen war schon ein Wagnis. Ich wusste wirklich nicht, wie die Reaktion darauf sein würde. Aber wie ich hörte, hat "Silence" dem Papst sehr gut gefallen.

 

Das Interview führte Ulrich Lössl. Eine Rezension des Film findet sich in unserer Beilage "Unterwegs".

 

 

ZUR PERSON

 

Martin Scorsese (74) zählt zu den einflussreichsten Regisseuren des amerikanischen Kinos. Aufgewachsen in Little Italy in New York, wollte Scorsese zunächst Priester und Lehrer werden. Schlagartig berühmt wurde er 1976 mit seinem Film "Taxi Driver".