Neuburg: "Zum Kind werden, mit der Musik fliegen"
Singt mit Eleganz und Perfektion: Die russische Sopranistin Julia Lezhneva bat am Samstagabend in Neuburg zum "Rendezvous im barocken Lustgarten". - Foto: Löser
Neuburg

Dieses Lebensjahr war ein Wendepunkt für Julia Lezhneva. Sie entwickelte plötzlich eine Frauenstimme, erzählt sie. Und das machte sie überglücklich. Mit 16 gewann sie bereits einen wichtigen Gesangswettbewerb, kurz drauf war sie bereits ein Star.

Julia Lezhneva mag Cecilia Bartoli noch so sehr bewundern. Ein wirkliches Vorbild ist sie nicht. Denn der Gesang der 27-jährigen Russin ist völlig einzigartig, mit nichts zu vergleichen, schon gar nicht mit der immer etwas exaltierten, überhitzten, hektischen Italienerin.

Nach Neuburg ist Lezhneva mit einem rein russischen Ensemble angereist, mit La voce Strumentale unter der Leitung von Dmitry Sinkovsky. Das kleine Orchester hat einen vorzüglichen Ruf, es ist sicherlich das derzeit beste Originalklang-Ensemble Russlands. In Neuburg weiß man das, denn die Musiker gastierten bereits zwei-mal bei den Barockkonzerten.

Probe im Neuburger Kongregationssaal, einen Tag vor dem Konzert: Die junge Frau steht auf der Bühne und lächelt. Um sie herum explodiert das Leben. Das Cembalo wird verschoben, der Geiger und Dirigent Sinkovsky tobt über die Bühne, der Organist macht Faxen, Musiker im Saal prüfen die Akustik und brüllen ihre Urteile über ihre Kollegen laut heraus. Aber Julia Lezhneva lächelt sonnig. Sie lässt einfach nichts an sich herankommen. Eine Insel der Ruhe im Sturm der Probenarbeit.

Im Gespräch erläutert die Sängerin, was der Schlüssel ihres Erfolgs ist. "Ich muss entspannt sein", sagt sie. "Das ist die beste Vorbereitung auf Konzerte." Deshalb reist sie meist mehrere Tage vorher an. Diesmal war sie zwei Tage in Nürnberg. Sie schläft viel und tut gar nichts. "Wenn ich nicht genug schlafe, bin ich schlecht gelaunt. Denn es ist nicht leicht auf der Bühne zu stehen."

Das Wort Lampenfieber hört sie nicht gerne. "Ich spreche lieber von Nervosität." Und die macht sie kreativ. "Aber all diese Ängste kommen letztlich vom Ego", sagt sie. "Man möchte besser sein, sein Bestes geben, aber das geht nicht immer." In Japan hat sie gelernt, dass man auch anders leben kann. "In Japan strebt man nur gute Durchschnittlichkeit an", erzählt sie. Mit dieser buddhistischen Einstellung kann man viel besser leben. Denn auch Julia Lezhneva ringt mit der eigenen Unzulänglichkeit. So gut wie nie ist sie wirklich zufrieden mit ihren Konzerten. "Es gibt immer physische Schwächen. Wenn ich zu viel Salz esse, bekomme ich Husten, ebenso wenn ich Sprudelwasser trinke. Dass ich mal eine wirklich klare Stimme habe, das ist wie ein Wunder, das kommt vielleicht einmal im Jahr vor. Am besten ist es, wenn man sein Ego vergisst, wenn man nur in der Musik aufgeht, wenn man zum Kind wird und mit der Musik fliegt."

Aber kann das so leicht gelingen? Das Konzert der Sängerin in Neuburg ist für die kleine Stadt vielleicht das Ereignis des Jahres. Der Kongregationssaal ist natürlich ausverkauft, jeder in der Stadt, der etwas auf sich hält, ist gekommen, aber es gibt auch Gäste, die extra aus Frankfurt angereist sind, um den Superstar zu hören.

Die Sängerin will Perfektion. Als erstes Stück hat sie eine Motette des großen barocken Gesangslehrers Nicola Porpora aufs Programm gesetzt. Ein furchtbar schweres Stück, das eigentlich nur aus Trillern, gewagten Sprüngen und wahnsinnig schnellen Koloraturen besteht. Und Julia Lezhneva? Sie singt das, als gäbe es kein leichteres Stück auf Erden. Sie gleitet so flüssig über die Lagen, ihr Ansatz ist so mühelos, ihr Timbre ist so rein, so unverbraucht, dass man es kaum für möglich hält. Was am meisten fasziniert an dieser Stimme, ist ihre Klarheit, ein Gesang fast völlig ohne Vibrato und dennoch voller Wärme und Leichtigkeit.

So sehr Lezhneva die Sängerin Bartoli auch bewundern mag: Sie singt völlig anders. Wo Bartoli oder auch Simone Kermes, die andere große Barock-Sängerin, ihre überbordende Ausdruckskraft bis über die Grenze des Schöngesangs hinaustreiben, wo diese ächzen und Koloraturen wie Maschinengewehrsalven in den Saal donnern - da herrscht bei Lezhneva souveräne Schönheit. Ihre Koloraturen gleichen eher einer eleganten Kette voller Perlen. Aber dieser Kult der reinen Schönheit hat auch Schattenseiten: Die Intensität, die etwa vom vulkanischen Temperament der Kermes ausgehen und das Publikum zur Raserei bringt, ist bei der ruhigen Russin nie zu spüren. So bleibt das Publikum lange Zeit zurückhaltend.

Daran kann auch der sehr viel extrovertiertere Dmitry Sinkovsky mit seinem Ensemble zunächst wenig ändern - trotz des unglaublich intimen, rau-winterlichen Klangs, den er seiner Geige bei Telemanns Konzert TWV 51:B1 entlockt. Oder der herben Virtuosität bei Vivaldis Violinkonzert op. 8/7. Erst bei der Arie "Zeffiretti, che susurrate" aus Vivaldis Oper "Ercole su'l Termodonte" entsteht eine ungewöhnliche Atmosphäre, als Lezhneva und Sinkovky, der auch ein fantastischer Countertenor ist, im Duett singen.

Das Publikum ist schließlich doch überwältigt. Es klatscht und jubelt und will auch nach fast drei Stunden einfach nicht gehen. Die Künstler geben vier Zugaben, am Ende den Barock-Arien-Schlager schlechthin "Lascia ch'io pianga". Lezhneva verzichtet dabei auf das Orchester, lässt sich nur von dem berühmten Lautenisten Luca Pianca begleiten. Und singt die Arie einzigartig: reich verziert, voller Triller, Ausschmückungen. Mit unvergleichlicher Leichtigkeit und Perfektion. Und mit einem großen Lächeln im Gesicht.