Mittwoch, 30.05.2012 |

 

20.11.2011 20:16 Uhr | 215x gelesen
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Wenn in der Musik alles erlaubt ist


Bild: Wenn in der Musik alles erlaubt ist . Neuburg Neuburg (DK) An Musikern wie Cecil Taylor scheiden sich die Geister. Ist der mittlerweile 82-jährige Pianist nun ein genialer Revolutionär oder ein die Gehörgänge des Zuhörers arg malträtierender Exzentriker, der meint, mal eben die Gesetze der Melodik, Harmonik und Rhythmik außer Kraft setzen zu können? – Nun, die wichtigste noch aktive Figur des originalen Free- und Avantgarde-Jazz ist er auf jeden Fall und eine legendäre Gestalt auch, weswegen sich das Neuburger Birdland durchaus glücklich schätzen konnte, einen von lediglich zwei Europaterminen dieses Giganten ausrichten zu dürfen. Taylor bedeutete sein Leben lang personifizierte Energie.

Neuburg (DK) An Musikern wie Cecil Taylor scheiden sich die Geister. Ist der mittlerweile 82-jährige Pianist nun ein genialer Revolutionär oder ein die Gehörgänge des Zuhörers arg malträtierender Exzentriker, der meint, mal eben die Gesetze der Melodik, Harmonik und Rhythmik außer Kraft setzen zu können? – Nun, die wichtigste noch aktive Figur des originalen Free- und Avantgarde-Jazz ist er auf jeden Fall und eine legendäre Gestalt auch, weswegen sich das Neuburger Birdland durchaus glücklich schätzen konnte, einen von lediglich zwei Europaterminen dieses Giganten ausrichten zu dürfen. Taylor bedeutete sein Leben lang personifizierte Energie.


Neuburg: Wenn in der Musik alles erlaubt ist
Cecil Taylor türmt nicht nur mächtige Akkordgebäude auf, sondern setzt auch Handflächen, Handrücken und Handballen ein. - Foto: Löser
In gewisser Hinsicht gilt das auch heute noch. Er spielt mit Körpereinsatz, türmt nicht nur mit den Fingern mächtige Akkordgebäude auf, rast über die weißen und schwarzen Tasten seines Arbeitsgeräts, sondern setzt auch Handflächen, Handrücken und Handballen ein. Friedliches Plätschern und alles mitreißender Tsunami liegen bei ihm ganz eng beieinander. Lauscht man seinem Spiel, muss man damit rechnen, unvermittelt und unbarmherzig auf bislang unerforschtes Territorium gestoßen zu werden, ob einem das nun passt oder nicht. Mit musikalischen Themen hält er sich nicht auf, sein Ding ist die Bewegung an sich, der fast manische Drang hin zu immer wieder Neuem. In dieser Hinsicht ist er kompromisslos und unerbittlich, auch wenn sein Spiel einer inneren Logik gehorchen mag, die aber so individuell ist, dass seine Vorlagen keine Noten, sondern Kürzel und Notizen enthalten, die vermutlich nur er selber deuten kann.

Irgendwann nach ungefähr 50 Minuten beschließt er, es sei an der Zeit, ein Poem nach Art von Ginsberg zu rezitieren, nach knappen 80 Minuten verlässt er unvermittelt die Bühne, was auch Tony Oxley, seinen Begleiter an den Drums, sichtlich überrascht. Vermutlich ist Taylor ganz einfach fertig für diesen Abend, hat gesagt, was zu sagen war. Logisch, dass es unter dieser Voraussetzung keine Zugabe geben kann. Natürlich sprengt das den Rahmen eines üblichen Konzertablaufs, aber es gibt vermutlich keinen Rahmen, den Taylor nicht sprengen würde. Und schließlich muss er den Ruf verteidigen, ein Exzentriker zu sein. Free Jazz unter Aufhebung aller musikalischen Gesetze hört man heute sehr selten, was vielleicht auch daran liegt, dass nach dem wütenden Ignorieren sämtlicher Regeln in den Sechzigern und Siebzigern eine Weiterentwicklung in Richtung Abstraktion und Auflösung nicht mehr möglich, die Sache also ganz einfach ausgereizt war und sich zudem viele Jazzfreunde diesen Angriff auf den Wohlklang in der Musik ganz einfach nicht antun wollten.

Aber wie auch immer, ein Blick in diese Nische des Jazz ist bei allem Wagnis nicht uninteressant. Und wenn man ihn schon riskiert, dann ist Taylor der ideale Guide.


Von Karl Leitner

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