Gemalte Familiengeschichte
Neuburg (DK) Ernst schaut er den Betrachter an, fast schon ein wenig abschätzend, fragend. Nach einem Reitunfall seiner Mutter von Geburt an kränkelnd und zeitweise auf den Rollstuhl angewiesen, von den Eltern bedrängt, auf die Erbfolge zu verzichten und nach 74-tägiger Regentschaft mit 41 Jahren an den Blattern gestorben – das Leben des Kurprinzen Friedrich Christian von Sachsen war reich an Tragik.

Herzogin Maria Amalia – aus ihrem Besitz stammen die historischen Gemälde der Ausstellung - Foto: Residenzschloss
Neuburgs Kulturamtsleiter Dieter Distl hat gewiss recht, wenn er meint, niemand wolle sich heute mehr solch großformatige Ahnen-Bildnisse ins Wohnzimmer hängen – nicht einmal die der eigenen Vorfahren. Dennoch geht unbestreitbar eine ungeheure Faszination von Porträts aus, beginnend mit den dauerhaft im Schloss zu sehenden Porträts Ottheinrichs und Susannas aus dem 16. Jahrhundert sowie Flämischem Barock aus dem 17. Jahrhundert.
Das Ölgemälde des sächsischen Kurprinzen aus dem 18. Jahrhundert ist eines der qualitätsvollsten aus dem Besitz seiner Tochter Maria Amalia. „Das Gesicht strahlt regelrecht vor dunklem Hintergrund“, erläutert Distl, der sich mit dieser letzten von ihm konzipierten Ausstellung in den Ruhestand verabschiedet. Nicht alle Exponate sind ähnlich gut erhalten. Die Schäden, die durch frühere unsachgemäße Restaurierungen angerichtet wurden, werden nicht versteckt, sondern dem Besucher bewusst gemacht. So ist ein Exponat zum Schutz komplett mit Japanpapier überklebt, ein anderes teilweise – eine deutliche Mahnung an Stadtrat und potentielle Sponsoren, sich der Bilder anzunehmen, bevor sie ins Rathaus zurückwandern. Ein frecher Nackedei hängt in der hintersten Ecke des weißen Saals. Möglicherweise ist ein Sohn Max I. Josephs dargestellt, vielleicht gar Ludwig I.? Das ist nicht sicher. Überliefert aber ist, dass der junge Mann aus dem städtischen Ordnungsamt verbannt wurde, wie Distl schmunzelnd erzählt – weil dem Bild das Feigenblatt am rechten Ort fehlt.
Nicht fehlen darf der Meister der Porträtkunst des 19. Jahrhunderts. Franz von Lenbach ließ das aus der Mode gekommene Genre im Sinne Rembrandts wieder aufleben, wie an drei seiner aus Schrobenhausen ausgeliehenen Werke deutlich wird.
Einen Sprung um 100 Jahre macht der Ausstellungsbesucher, sobald er im Erdgeschoss den Raum mit Gemälden Josef Steibs betritt. Der gebürtige Münchner, der einige Nachkriegsjahre in Rennertshofen verbrachte, malte nicht nur mit Vorliebe seine zweite Frau Brunhilde, sondern alljährlich an seinem Geburtstag sich selbst. Und das in allen erdenklichen Techniken und Stilrichtungen. „Er hat alles ausprobiert“, kommentiert Distl, bevor er vor einem Bild stehen bleibt: „Hier haben Sie Steib mit Distel.“ Tatsächlich, in seiner Hand hält Steib ein riesiges Exemplar der stachligen Pflanze. Interessanter aber als Requisiten und Maltechniken ist es, das Altern des Porträtierten anhand seiner Selbstsicht zu verfolgen.
Von Andrea Hammerl

