Mittwoch, 30.05.2012 |

 

10.03.2009 20:37 Uhr | 228x gelesen
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Natürlichkeit des Ausdrucks


Bild: Natürlichkeit des Ausdrucks .  Ingolstadt (DK) Das Geheimnis der Musik liegt zwischen den Tönen, lautet eine beliebte Plattitüde. Wendete man diesen Grundsatz auf den Pianisten Antti Siirala an, müsste man konstatieren: Der Finne musiziert ohne Geheimnis, er spielt nur Noten. Denn Siirala lässt so gut wie nie einen Moment der Stille zwischen zwei Akkorden, zwischen zwei Noten dringen. Er pedalisiert (fast) alles, er umhüllt am liebsten jede Melodie mit dem Weichzeichner des Halls, selbst schnelle Läufe glaubt er, mit ein wenig Halbpedal aufpolieren zu müssen.

Ingolstadt (DK) Das Geheimnis der Musik liegt zwischen den Tönen, lautet eine beliebte Plattitüde. Wendete man diesen Grundsatz auf den Pianisten Antti Siirala an, müsste man konstatieren: Der Finne musiziert ohne Geheimnis, er spielt nur Noten. Denn Siirala lässt so gut wie nie einen Moment der Stille zwischen zwei Akkorden, zwischen zwei Noten dringen. Er pedalisiert (fast) alles, er umhüllt am liebsten jede Melodie mit dem Weichzeichner des Halls, selbst schnelle Läufe glaubt er, mit ein wenig Halbpedal aufpolieren zu müssen.



Musizieren ohne Geheimnis: Antti Siirala gastierte in Ingolstadt. - Foto: Rössle
Antti Siirala liebt es, wenn die Musik rund und weich klingt und gelegentlich auch ein bisschen konturlos. Er sitzt am Klavier und schwingt während seines Vortrags ein wenig hin und her, als wolle er leichte Wellenbewegungen imitieren. So auch klingen sein Mozart, sein Brahms und sein Chopin, die Komponisten, die er bei seinem Konzert für den Konzertverein aufs Programm gesetzt hat. Jede Phrase ist mit feiner, zurückhaltender und kluger Musikalität durchwirkt. Und so sind die Interpretationen des finnischen Nachwuchspianisten nicht nur bedauerlicherweise überpedalisiert, sondern in gewisser Weise auch faszinierend: Wie nur bei ganz wenigen Pianisten verströmt sein Spiel Natürlichkeit des Ausdrucks. Nichts ist forciert, kein Gedanke ist übermäßig eigenwillig, jeder Takt ist eingebetet in einen logisch anmutenden musikalisch schwingenden Gesamtzusammenhang. Aber: Dieser Musik fehlt es gelegentlich an Ecken und Kanten, an Charakter und kühner Originalität.

Das ist gleich beim Auftaktstück, den Gluck-Variationen KV 455 von Wolfgang Amadeus Mozart zu spüren. Es ist leicht, das etwas simple Thema des Stücks durch scharfe dynamische Kontraste zwischen den verschiedenen Takt-Abschnitten zu strukturieren und ihm Spannung zu verleihen. Es ist auch nicht ganz abwegig, die verschiedenen, irgendwie aberwitzig erscheinenden Variationen mit viel Humor und Ironie zum Leben zu erwecken. Siirala folgt beiden Wegen nicht. Er nimmt das Stück ernster als es wohl ist und geht es mit sympathischer, atmender Leichtigkeit an. Die Brüche, der böse Witz bleiben dadurch hinter der glatten Fassade eher im Verborgenen.

Auch die beiden Brahms-Stücke des Abends können nicht ganz überzeugen. Die eher stürmische Rhapsodie Nr. 1 geht Siirala mit routinierter Sicherheit an. Aber sein Anschlag ist nicht so irdisch, dunkelgetönt und schnörkellos wie der einiger großer Brahms-Interpreten von Claudio Arrau bis Bruno-Leonardo Gelber (oder auch Rubinstein). Und sein Ansatz ist bei Weitem nicht so analytisch wie der von Ivo Pogorelich oder Glenn Gould (die beide das Pedal eher verachten). Bei den Variationen op. 21/1 wagt Siirala einen Vorgriff auf den milden, poetischen Altersstil des Komponisten – und das gelingt ihm ganz gut, wenn er auch hier immer wieder zur Weichzeichnerei neigt.

Einige meisterhafte Deutungen gelingen Siirala beim Hauptwerk des Abends, den 24 Préludes von Frédéric Chopin. Gleich beim zweiten Prélude (a-Moll) gerät der spezifische Stil des Finnen zum Glücksfall: Die manisch dicht und gebunden gespielten Achtel in der linken Hand wirken so zermürbend, wie man es ganz selten erlebt. Auch das Regentropfen-Prélude gerät ungewohnt geschlossen und poetisch mit wunderbaren Anschlagsnuancen. Sehr schnell und doch überraschend unaufgeregt gibt Siirala das fis-Moll-Prélude, trotz der heftigen tobenden Bewegungen fast wehmütig melancholisch. Bedauerlich da- gegen: Der Schlussteil des 17. Prélude (As-Dur) und das gesamte 22. Prélude (g-Moll) versinken vollständig im Pedalnebel. Insgesamt aber ist Siirala ein herausragender Chopin-Interpret, der die 24 kleinen Stücke in einen großen Zusammenhang zu stellen vermag, der zudem einen untrüglichen Sinn für das Verhältnis der verschiedenen Tempi hat.

Das Publikum im Ingolstädter Festsaal bedankte sich mit freundlichem, aber zurückhaltendem Beifall. Mehr kann man eigentlich nicht erwarten – denn dazu spielt Siirala zu seriös und dazu ist sein Programm zu unspektakulär.


Von Jesko Schulze-Reimpell

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