München: Strafarbeit für Regisseure
Ein Traumpaar: Jonas Kaufmann und Anja Harteros in Verdis „Troubadour“. - Foto: Hösl
München
Aber Kaufmann, ein blendend aussehender, hochintelligenter Publikumsliebling – das männliche Pendant zu Anna Netrebko – besitzt leider keine so leichtgängige Stimme wie etwa sein Konkurrent im Wagner-Fach, Klaus Florian Vogt. Gerade im Piano wirkt der Tonansatz stets ein wenig angestrengt, im Mezzoforte ist sein Tenor manchmal merkwürdig fahl, und selbst wenn er das hohe C stemmt, in München bei der berühmten Stretta, fehlt seiner Stimme das letzte bisschen männlicher Durchschlagskraft. Aber Kaufmann ist ein kluger Gestalter. In der berühmt-gefürchteten Tenor-Nummer „Ah si ben mio“ zeigt er viel nachdrücklicher sein Talent: Was für ein todessehnsüchtiger Gesang ist da zu hören, was für ein fein geformtes Piano, was für ein feuriges Forte. Hier steht kein strahlender Tenor mit stahlhart metallischer Stimme auf der Bühne, sondern ein verzweifelt Liebender am Abgrund seiner Existenz. Jonas arbeitet mit Nuancen, die man ihm hier bei seinem ersten matten, etwas intonationsunsicheren Auftritt noch nicht zugetraut hätte.

Dass die Eröffnung der Opernfestspiele zum musikalischen Ereignis wurde, gelang am Ende dennoch eher trotz Jonas Kaufmanns Manrico und nicht wegen ihm. Denn besonders Anja Harteros, die hübsche Rheinländerin mit griechischen Wurzeln, lief dem Tenor den Rang ab. Ihr Sopran kennt eigentlich keine Schwächen, ist voluminös, aber auch lyrisch. Und die Darstellerin der Leonora hat das gewisse Etwas. Harteros kann in entscheidenden Momenten ihrer Stimme plötzlich eine ungewöhnliche Färbung verleihen, kann das Vibrato herausnehmen und Töne von erschütternder Intensität erzeugen. Und noch zwei weitere Darsteller machten Eindruck: Elena Manistina als Zigeunerin Azucena besitzt einen rassigen Mezzo mit sonorer Tiefe. Und Alexey Markov als Graf Luna, der Gegenspieler von Manrico, ist ein Bösewicht, dessen Seele so schwarz ist wie sein gewaltiger Bass.

Und dann ist da noch der Dirigent Paolo Carignani. Selten hat man Verdi so feurig, so engagiert gehört wie an diesem Premierenabend. Der Italiener schreckt vor Tempobeschleunigungen, Rubatos und langen Fermaten nicht zurück – und bringt dabei doch die Sänger so gut wie nie aus dem Konzept. Sein „Trovatore“ kommt in plakativen Farben daher, deftig, mitreißend, so zugespitzt, wie Verdi sich Oper immer gewünscht hat.

Musikalisch ist „Il Trovatore“ bekanntlich ein Traum. Eine Oper mit immenser Ohrwurm-Dichte, ein Abenteuerspielplatz für begnadete Sänger. Das Libretto dagegen? Sagen wir es ganz offen: Die Geschichte um zwei Männer, die hartnäckig und grausam um eine Frau kämpfen und am Ende erfahren, dass sie Brüder sind, ist wahrscheinlich die dümmlichste, unglaubwürdigste, widersinnigste aller Verdi-Opern. Eine Strafarbeit für jeden einigermaßen intelligenten Regisseur.

In München hatte der Franzose Olivier Py die Aufgabe übernommen, das missratene Stück auf die Bühne zu bringen – und strengte sich dabei furchtbar an. Eine Drehbühne ließen Py und sein Bühnenbildner Pierre-André Weitz aufstellen, die durch heftige Zirkulation ständig alle wichtigen Motive der Oper verwirbelte. Da sieht man wasserköpfige Babys, eine nackte gebärende Frau, rätselhafte maskierte Figuren im Spiderman-Look, brennende Kreuze und fechtende Alter Egos der Brüder mit Tiermasken. Die Geschichte lässt Py nicht im 15. Jahrhundert (wie von Verdi vorgesehen), sondern in einer Art frühkapitalistischer Fabrik spielen, ein schwarzer Ort, gleißend erleuchtet von kaltem Neonlicht mit sich ständig drehenden Schicksals-Zahnrädern.

Py kompensiert geschickt die dramaturgischen Schwächen des Librettos. Die lang und breit erzählte Exposition lässt er szenisch aufbereiten, im Mittelpunkt steht dabei die alte Zigeunerin, die schon in der Vorgeschichte als Hexe verbrannt wurde. Wie ein Geist wandelt sie stumm durch die Szenerie, nackt, alt und mit endlos langen blonden Haaren. Die Ehrenrettung von Verdis Oper gelingt Py bei allem Aufwand nicht ganz, das Panoptikum verwegener Einfälle und tiefschürfender Motive will sich nicht zu einem Sinn gebenden Ganzen zusammenfügen. Aber es gibt viel zu sehen und viel nachzudenken. Und in der Pause kann man sogar Jonas Kaufmann in einer Zauberschau als „zersägte Jungfrau“ bewundern.