München: Wo ist die Bombe?
Schauererlebnis der Sonderklasse: Szene mit Sophie von Kessel (Judith) und Michele Cuciuffo (Thomas). - Foto: Aurin
München

Die Zeit läuft. Von 22.30 Uhr, zu Beginn von Judiths Verhör, bis zur geplanten Explosion um 24 Uhr bleiben für Thomas gerade noch 90 Minuten Zeit, um Judith ein Geständnis mit nicht immer lauteren Methoden abzupressen, das vermutlich Hunderten von unschuldigen Terroropfern das Leben retten könnte. Eineinhalb Stunden, die Daniel Kehlmann (Autor der Bestseller "Die Vermessung der Welt" und "Tyll") in eine ungemein spannende Story gepackt und der Regisseur Thomas Birkmeir mit einer Digitaluhr über dem Bühnenportal famos getaktet hat. Ein Krimi, der jeden "Tatort" in den Schatten stellt.

Eine politisch und gesellschaftlich engagierte Uniprofessorin ist Judith, die die soziale Ungleichheit in aller Welt nicht nur in ihrer Dissertation, ihrer Habilitation und all den weiteren Schriften angeprangert hat, sondern vor allem die globale Diskrepanz zwischen Arm und Reich in Wort und Schrift mit Vehemenz ins Bewusstsein der Öffentlichkeit geradezu hämmert. Eine mit idealistischem Impetus vollgepumpte Kämpferin für eine bessere Welt ohne Ausbeutung und Naturzerstörung. Bei der Theorie soll es freilich nicht bleiben, sondern ein Fanal muss gesetzt werden, wie die verdeckten Ermittler der Polizei herausgefunden haben wollen. Alles haben sie gesammelt, was für einen Terrorakt spricht: Judiths konspirative Treffen mit Gleichgesinnten, auf ihrem Computer gespeicherte Anleitungen zum Bombenbasteln, Unterlagen über Judiths Ehekrise und andere vermeintliche oder tatsächlich belastende Dokumente mehr. Und diesen brisanten Fall hat Thomas nun schnellstmöglich zu klären, bevor der Terroranschlag stattfindet. Nur: Wo wird die Bombe um Mitternacht hochgehen? Judith verrät es nicht, weiß es vielleicht auch gar nicht, weil das Attentat nur in den Gehirnwindungen der Ermittler existierte. Doch Thomas will ihr dieses Geheimnis nun abtrotzen, um das Attentat zu verhindern.

Zwei absolut unterschiedliche Welten prasseln hier aufeinander, die Daniel Kehlmann hochdramatisch und psychologisch fulminant in diesem Theaterstück aufgezeichnet hat. Mögen Kriminaler-Methoden zur Wahrheitsfindung wie das Anketten einer Verhafteten am Abflussrohr des Waschbeckens, brutale Boxhiebe in die Magengegend der zu Verhörenden oder erotische Avancen des Ermittlers nicht zu den Gepflogenheiten bei polizeilichen Vernehmungen gehören, so sind die schauspielerischen Leistungen in diesem Zweipersonen-Stück geradezu hinreißend: Mit abgrundtiefem Hass gegen die Gleichgültigkeit der Menschen über soziale Ungleichheit in aller Welt und letztlich mit resignativer Verzweiflung kämpft Sophie von Kessel als Judith in aussichtsloser Situation gegen den Kriminaler Thomas als Repräsentant dieses von ihr so verhassten Systems. Und Michele Cuciuffo pocht als ebenso kleinbürgerlicher Macho-Fiesling wie als cholerischer Kotzbrocken eines Ermittlers mit knallharten und rechtlich nicht immer zulässigen Verhörmethoden auf seine Aufklärungspflicht: Ein Schauspielerlebnis der Sonderklasse im Münchner Residenztheater.

Die nächsten Aufführungen sind am 2., 16. und 22. Februar. Kartentelefon: (0 89) 21 85 19 40. Das Stück "Heilig Abend" steht derzeit auch in Ingolstadt auf dem Spielplan.