München: Witzig, radikal und intelligent
Mit "Trüffel Trüffel Trüffel" von Eugène Labiche (oben) und "Nachts, als die Sonne für mich schien" von Uisenma Borchu (unten) präsentieren die Kammerspiele kontrastreiches Theater - dabei ist beides spannend und intelligent gemacht. - Fotos: Baumann, Beyer
München

Rund 175 Lustspiele und Satiren hat der französische Komödienautor Eugène Labiche (1815-1888) verfasst, in denen er, etwa im "Sparschwein" oder im "Florentinerhut", der feierbiestigen bourgeoisen Pariser Gesellschaft seiner Zeit einen Spiegel vorhielt. "Trüffel, Trüffel, Trüffel" (vom Jahre 1861) ist mit 60 Minuten Spieldauer eines seiner kürzesten, aber auch eines seiner bissigsten Stücke: Sieben soziale Aufsteiger stehen hier auf der mit einem Plüschteppich in Schweinchenrosa ausgelegten Bühne, kleinkarierte, aufgeblasene Dummschwätzer allesamt, die sich in kaum mehr zu überbietendem Selbstbewusstsein besser wähnen als ihre Nachbarn und Konkurrenten.

Hochstapeln ist ihr Mantra und Gequassel ihre Lieblingstätigkeit. Geschwollen quatschen sie daher, diese durch Grundstücksspekulation, windige Immobiliengeschäfte, Börsenzockerei und andere dubiose Geschäfte zu Geld gekommenen Angeber samt ihren ewig plappernden Gattinnen, Geliebten und Kurzzeit-Begleiterinnen. Weit über ihre finanziellen Möglichkeiten Trüffel in allen Variationen in den teuersten Lokalen der Stadt zu mampfen ist ebenso angesagt wie VIP-Logen in der Oper zu ordern. Sehen und gesehen werden ist ihr Motto, aber von der Ess- und der wahren Kultur keine Spur.

Wie in einem Abnormitätenkabinett reihte Regisseur Felix Rothenhäusler all diese schrägen Figuren und Knallchargen in einer kaum sich bewegenden Formation auf der Bühne auf, um eine köstliche Schnellsprechfarce ins Publikum zu schleudern: Wiebke Puls haut als exaltierte Powerfrau Madame Ratinois ebenso auf den Putz, wie sie ihren eingeschüchterten Sohnemann Frédéric (Samouil Stoyanov im kanariengelben Anzug) als Heiratskandidaten wie saures Bier anpreist, während Risto Kübar den mit allen Wassern gewaschenen Geschäftsmann Robert mit Migrationshintergrund als Patenonkel in jeglicher Beziehung verkörpert. Dazu Zeynep Bozbay als rotzig-motzige Pubertierende, die als vorgesehene Braut für Frédéric mit ihrem monotonen und voll Trübsal vorgetragenen Liedgesang die aufgekratzte Stimmung herunterzudimmen versucht.

Doch der Gag dieser Inszenierung ist zweifellos des Regisseurs hübscher Einfall, die anderen Rollen entgegen der jeweiligen Geschlechtszugehörigkeit zu besetzen: Annette Paulmann darf mit ausladenden Gesten und ausufernder Rhetorik den Promi-Arzt Monsieur Malingear mit dicker Wampe, Seehundschnauzer und Halbglatze herzerfrischend als Maulhelden abgeben, während Nils Kahnwald als dessen Gattin Ermelinde (in einem scheußlich geblümten Kleid) das Eheregiment führt und Marie Rosa Tietjen mit Schnurrbärtchen und aufgemotzten Gehabe den Möchtegern-Macho mimt. Klischees zuhauf, aber ein rundum gelungener Satireabend.

Als Gegensatz und zugleich Ergänzung zu diesem ungemein witzig servierten Vaudeville eine weitere Premiere zum Auftakt der neuen Spielzeit in den Kammerspielen, die Studie über die Migration einer Familie aus der Mongolei nach Ostberlin: "Nachts, als die Sonne für mich schien" von Uisenma Borchu als Uraufführung.

Mit ihren Eltern und Geschwistern kam die Autorin 1984, damals fünf Jahre alt, nach Deutschland. Mutter Lehrerin, Vater Maler, aufgewachsen in der DDR in der Nähe von Magdeburg, in der Grundschule als "Exotin" noch einigermaßen akzeptiert, nach der Wende jedoch von Rassisten als Ausländerin diffamiert. Davon handelt Borchus Theaterstück, ihr erstes, nachdem sie als Absolventin der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen für ihre Abschlussarbeit "Schau mich nicht so an" im vergangenen Jahr den Bayerischen Filmpreis als beste Nachwuchsregisseurin erhalten hatte. Und ebenfalls autobiografisch schildert Uisenma Borchu hier die Schwierigkeit des Aufwachsens in einer ihr fremden Umgebung, ohne ihre Identität zu verleugnen: Vom ebenso autoritären wie verständnisvollen Vater (etwas linkisch dargestellt von Christian Löber) erzogen, ihre mongolischen Wurzeln nicht zu vergessen, von der Grundschullehrerin (Araba Walton) zu deutschen Tugenden ermahnt, entschließt sie sich als Teenager mit großem Selbstvertrauen, ein Leben in zwei Welten und zwei Kulturen zu führen.

Dazu lässt die Autorin als Regisseurin, die auch als Kommentatorin ihres Stückes auftritt, anfangs Fotos von der Schönheit und der bukolischen Ruhe der mongolischen Landschaft mit schneebedeckten Bergen im Hintergrund auf die als Jurten stilisierten Zeltwände projizieren. Dazu bannt ihr Vater Borchu Bawaa live über die 70-minütige Spieldauer hinweg die Geschichte der Ausreise aus Ulanbator und des Ankommens in Ostberlin auf ein großformatiges Papier: Ein Zug der transsibirischen Eisenbahn fährt in das Land mit der schwarz-rot-goldenen Fahne. Doch zwischen den majestätisch sich erhebenden Gebirgen und den nach Westen führenden Bahngleisen springen wilde Pferde, blau wie bei Franz Marc, über die mongolische Steppe, bis am Ende die Regisseurin diese von ihrem Vater gemalte nostalgische Rückschau mit Fotos von der Ödnis deutscher Plätze und der Tristesse von Betonbunkern und Plattenbauten konterkariert.

Ein faszinierender Kontrast. Und hinreißend, wie die verheißungsvolle Nachwuchsschauspielerin Lea Johanna Geszti die Entwicklung des unbeschwerten Mädchens Uisenma zur selbstbewussten jungen Frau ungemein authentisch und intensiv darstellt.

Zwei Aufführungen in den vom dramatischen Zuschauer-, vor allem Abonnentenschwund gebeutelten Münchner Kammerspielen, in denen statt läppischer Performanceshows endlich wieder das zu erleben ist, was das Haus in der Zeit vor Matthias Lilienthals derzeitiger, seiner dritten Saison als Intendant auszeichnete: spannendes Schauspielertheater in intelligenter Regie.

Weitere Infos und Aufführungstermine unter www.kammerspiele.de.