München: Werkstoff Wellpappe
Martin Spengler in seinem Atelier. Gerade zeigt die Galerie Thomas Modern seine Werke.
München
Jetzt gibt ihm der Erfolg recht: Ausgestellt sind seine Arbeiten derzeit gleich gegenüber der Pinakothek der Moderne, in der Galerie Thomas Modern. Dort ist man fast ein wenig erstaunt über den Erfolg des Künstlers: Selbst die großen Werke, die mehr als zehntausend Euro kosten, sind verkauft, und Spengler muss manchen Sammler schon vertrösten. Denn die dekorativen Werke sind begehrt, aber ihre Herstellung kostet Zeit.

Die Idee zu einer Werkgruppe entwickelt Spengler aus Fotos, die er am Computer in eine Zeichnung umsetzt. Erst dann bearbeitet er seinen eigentlichen Werkstoff, die Wellpappe. Bögen von der Größe von zwei auf eineinhalb Metern werden miteinander verleimt, bis eine schwere Platte von 25 Zentimetern Dicke entstanden ist. In diesen Block arbeitet sich der Künstler dann mit Beitel und Messer hinein. Er selbst spricht von „schnitzen“, wenn er das Gestänge einer Achterbahn perspektivisch in die Tiefe führt. Und genau diese Strukturen von Bauwerken sind es auch, die ihn faszinieren. Das kann der Dom seiner Kölner Heimatstadt sein oder eine Autobahn-Kreuzung in Los Angeles, wo er ein Jahr mit Stipendium lebte: Der Verlauf des gotischen Stützwerkes oder eines Straßensystems sind gleichwertige Themen. All diese Linien – vertikal, horizontal und diagonal – werden variiert, vervielfacht und in die Tiefe geführt. Worauf es ihm ankommt, ist nicht die Originaltreue zum Foto, sondern der Moment, die Konstruktion zu durchdringen, denn „nur wenn man es versteht, kann man dem Ding eine Seele geben“.

Diese Maxime gilt nicht nur für die von Menschenhand geschaffenen Bauwerke, sondern auch für Strukturen in der Natur. Das Blattwerk auf einer Hausmauer mit den sich überlappenden Formen oder eine aufgerichtete Pazifik-Welle, die sich in Gischt-Tropfen auflöst, sind Herausforderungen für ihn. In seinem Atelier im Münchner Glockenbach-Viertel, im Licht des hohen Nordfensters, wirkt der schmächtige Mann fast wie ein Student. Jeans und Pullover, ein jugendliches Gesicht – sein Alter von 38 Jahren sieht man ihm nicht an. Gerade deshalb vermeidet er im Gespräch den Anschein von Jugend und betont, dass er ja erst mit 30 Jahren begonnen habe, zu studieren. Obwohl es unter seinen Vorfahren einen Bildhauer und einen Maler gab, war seine Angst groß vor der brotlosen Kunst. Aber die Erfahrung, dass man auch nach einer Ausbildung zum Zahntechniker arbeitslos werden kann, sorgte 2003 für ein Umdenken. Er begann, das zu tun, „was ich schon immer machen wollte“.

Das Kunst-Studium in Bremen, Wien und München beendete er 2010 als Meisterschüler von Karin Kneffel. Mit dem Erfolg der Galerie-Ausstellung fühlt er sich nun wirklich als freier Künstler und gönnt sich nach zwei Jahren, in denen er täglich 12 bis 14 Stunden gearbeitet hat, fünf Tage Pause. Es sieht so aus, als könne sein sorgfältig und ehrgeizig geplanter Lebenslauf gelingen: „Wenn das alles funktioniert, dann kann ich glücklich werden“, urteilt er ganz vorsichtig – um dann an den Computer zu gehen und mit neuen Entwürfen zu beginnen. Schließlich will er etwas vorzeigen können, wenn wieder mal ein Sammler ins Atelierhaus kommt.

Martin Spengler in der Münchner Galerie Thomas Modern (Türkenstraße 16), bis 20. Oktober, geöffnet montags bis samstags von 10 bis 18 Uhr.