München: Voller Poesie und Melancholie
Grenzenlose Spielleidenschaft: Nathalie Schott (links) und Vanessa Eckart in "Alice im Wunderland". - Foto: Turmes
München

Doch nicht nur als Roman, sondern auch als Schauspiel, Ballett und als Film trat diese reale Fiktion weltweit bald ihren Siegeszug an. Doch erst als der US-amerikanische Theaterregisseur Robert Wilson sich im Jahre 1992 dieses Stoffes annahm und Tom Waits dazu die Musik komponierte, wurde Carrolls Erfolgsbuch in dieser smarten Musicalfassung international zum Renner. Jetzt hat Münchens innovativste Privatbühne, das erst vor Kurzem von der renommierten Fachzeitschrift "Die deutsche Bühne" zum dritten Mal in Folge als bestes Off-Off-Theater im deutschsprachigen Raum gekürte Metropoltheater, mit acht exzellenten Musikern und sechs fantastischen Schauspielerinnen und Schauspielern, die auch noch passabel bis bravourös singen können, dieses Werk geschultert.

Und man staunt wieder einmal, wie dieses kleine Theater solch eine Aufführung finanziell, personell und mit solch einer großartigen künstlerischen Leistung auf die Bühne zaubern kann, die jedem hoch subventionierten Stadt- oder Staatstheater zur Ehre gereichen würde.

Mit schier grenzenloser Vitalität und von ebensolcher Spielleidenschaft restlos besessen, tauchen die mit Idealismus voll gepumpten, größtenteils von August Everdings Bayerischer Theaterakademie "ausgeliehenen" Schauspiel-Eleven mit Feuereifer und unter der an surrealem Witz reichen Regie von Philipp Moschitz in ihre Rollen ein. Allen voran Vanessa Eckart, die als Alices Alter Ego der staunenden Puppe, die sie führt, lenkt und leitet, ebenso zart wie eindrucksvoll Leben einhaucht, während Thomas Schrimm die Obsessionen des Mr. Dodgson samt dessen ambivalenter Zuneigung zu dem Mädchen Alice köstlich verschmurgelt aufzeigt. Dazu Maria Hafner als huldvoll schreitende Herzkönigin in einer köstlichen Mischung aus Elizabeth II. und Theresa May sowie Sebastian Griegel, Patrick Nellessen, Nathalie Schott und Nick Robin Dietrich in allerlei Rollen als Fantasiefiguren, Blumen, Pflanzen und Tiere.

Doch der Zauber dieser Aufführung liegt auch in Hans-Peter Bodens Lichtorgien, von allen Schattierungen des mystischen Dunkels bis zur grellen Seelenerkundung, ebenso begründet wie in den farben- und formenreichen Traumkostümen von Cornelia Petz und in der rasanten Bewegungschoreografie von Katja Wachter. Der Gag dieser Produktion ist freilich die als Spielwiese, geheimnisvoller Rückzugsort oder Schmollplatz ständig wie von Geisterhand gedrehte, riesige Scheibe mit eingebauten Schiebetüren auf einem dreifach gestapelten Bühnenpodest (von Thomas Flach). Von der im Off platzierten Combo unter der Leitung von Andreas Lenz von Ungern-Sternberg am Piano ganz zu schweigen, die Tom Waits' Kompositionen zwischen edlem Jazz und lyrischen Balladen, zwischen Blues und Walzer brillant beisteuerten.

Freilich, einige Szenen gerieten leider allzu banal oder mit zu vielen Elfen, Nymphen, Fabelwesen, Häschen und Zombies ebenso zu sehr am süßlichen Broadway-Geschmack orientiert, wie ein Sado-Maso-Ballett in diesem filigranen und anheimelnden Märchen für Erwachsene nur peinlich ist. Insgesamt jedoch rauscht diese bezaubernde Revue als hinreißend magisch-surreales Spektakel über die Bühne des Metropoltheaters.

Die nächsten Vorstellungen sind am 2., 3., 7., 9. und 10. Dezember sowie mehrmals im Januar. Kartentelefon: (0 89) 32 19 55 33.