München: Verdrängtes Verbrechen
Schwere Zwangsarbeit leisteten Frauen im Steinbruch des KZ Krakau-Plaszow. - Foto: Archiv des Instituts des Nationalen Gedenkens
München

Insgesamt 13 Millionen Menschen wurden zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt, darunter 2,8 Millionen Polen. Entschädigungen in Höhe von durchschnittlich 3000 Euro erhielten nur 1,6 Millionen Menschen - und auch dies erst 55 Jahre nach Kriegsende. Mit Dokumenten aus dem Archiv der Stiftung Polnisch-Deutsche Aussöhnung werden den Zahlen und Fakten nun Gesichter beigefügt. Es sind nicht nur Fotografien, sondern auch Lebensgeschichten und Briefe, die auf Stellwänden ausgebreitet werden und von Schicksalen erzählen.

Polen galt als Reservoir für billige Arbeitskräfte. Nachdem Mitglieder der "Elite", also Intellektuelle, Priester und Widerstandskämpfer, ermordet oder in KZs interniert worden waren, sollte das polnische Volk nach dem Willen der NS-Herrscher ein Arbeitervolk werden. Im Oktober 1939 wurde eine Arbeitspflicht für alle Menschen zwischen 18 und 60 Jahren verhängt, später wurden auch Jugendliche und 70-Jährige verpflichtet. Es gab "Sklavenarbeiter" in den Konzentrationslagern und "Zwangsarbeiter" in Rüstungsbetrieben und in Steinbrüchen, in der Landwirtschaft und beim Straßenbau - Männer und Frauen, aber auch Jugendliche und Kinder. Und gerade deren Dokumente berühren besonders. So schreibt aus dem Jugendverwahrlager Åódź ein Mädchen einen Brief an seine Eltern und bittet um Essen und seine Kittelschürze.

Augenscheinlich besser ging es den Zwangsarbeitern, die auf einem Bauernhof in Dachau, als Torfstecher in Niedersachsen oder bei der Waldarbeit in Thüringen fotografiert wurden. Aber die sogenannten "Polen-Erlasse" regelten streng das Ausgehverbot, das Tragen von Abzeichen und untersagten den Besitz von Fahrrädern und den Kontakt zu Deutschen. Die ausgestellten Fotografien wurden von Deutschen gemacht, die die Arbeitskräfte beim Einsatz oder während der Pause fotografierten. Nach dem Krieg dienten sie den Betroffenen als Nachweis ihrer Zwangsarbeit.

Als solcher in einer Bauernfamilie konnte man Glück haben und mit der Familie an einem Tisch sitzen - schwerer war die Situation in einer Fabrik. Der Rüstungskonzern Krupp setzte sogar sechsjährige Kinder als Arbeiter ein, täglich wurde zehn bis zwölf Stunden gearbeitet, Kinder bekamen nur die halbe Essensration und litten unter körperlichen Strafen. Ein besonders dunkles Kapitel ist die "Germanisierung" von Kindern, die mit ihren Eltern nach Deutschland deportiert oder hier geboren wurden. Neugeborene sollten "eingedeutscht" werden, sofern sie als "gutrassig" eingestuft wurden. "Schlechtrassige" wurden getötet oder kamen in Sterbelager. Eine Dunkelziffer von 50 000 bis 200 000 Kindern wuchsen bei deutschen Eltern auf - viele wussten nicht einmal, dass sie aus Polen stammen.

Ein letztes Kapitel der Ausstellung verweist auf eine zukünftige Dependance des NS-Dokumentationszentrums: Zum Jahreswechsel 2018/2019 will man in den Baracken eines ehemaligen Zwangsarbeitslagers in München-Neuaubing die Lebens- und Arbeitsbedingungen der rund 150 000 Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen in München dokumentieren.

Ausstellung bis zum 29. Oktober im NS-Dokumentationszentrum München. Täglich geöffnet, außer montags, von 10 bis 19 Uhr.