Streetdance im Staatsballett
München (DK) Eine Staatsballett-Premiere mit vier Stücken von drei stilistisch unterschiedlichen Choreografen – konnte das gut gehen? Es ging sogar bestens. Nicht nur – ein paar Längen mal beiseite –, weil jede der Arbeiten, bis hin zur Musikwahl, eine Qualität hatte.

Kühl und spröde: Ekaterina Petina in Russel Maliphants „Broken Fall“ nach der Musik von John Adams. - Foto: Hösl
Der Abend beginnt mit Kenneth MacMillans „Las Hermanas“ von 1963. MacMillan erzählt hier zu Frank Martins spannendem Cembalo-Konzert das Lorca-Drama der unerbittlichen Bernarda Alba, die ihre Töchter vor den Männern wegsperrt. Auf der Suche nach der richtigen Geste für diese bigott geknebelte geschlossene Frauengesellschaft öffnete MacMillan seine Neoklassik für freie, dem Tanz-Expressionismus entlehnte Bewegungen. Und das wunderbar stimmig. Erotische und sexuelle Frustration, Eifersucht, Verrat, Verletztheit, Resignation tanzen sich hier aus in schneidend hochgeschleuderten Beinen.
Großartig in ihrer zarten Verwelktheit Lucia Lacarra zwischen Scham und Begierde nach dem ihr zugedachten Mann (Cyril Pierre), der es jedoch mit der jüngsten Schwester treibt.
Während MacMillans dramatisch gebrochene Neoklassik schon damals Tradition an großen Häusern wurde, sind zeitgenössische Choreografien wie die von Russel Maliphant erst in den letzten Jahren Staatstheater-fähig. Dem Ex-Tänzer des Sadler’s Wells Royal Ballet reichen die Skulpturalität des Körpers und ein ausgesuchtes Lichtdesign. In „Afterlight“ von 2003 bewegt sich der außergewöhnliche Gast-Tänzer Daniel Proietto auf einem eng begrenzten, sich später weitenden und wieder verkleinernden Teppich aus Lichtflecken, eingehüllt in einen zarten Lichtkegel: weich, biegsam, kraftvoll oder lyrisch, von der tierhaft schönen Bewegung am Boden bis zu irrlichternd schnellen Drehungen. Ein Priester des Tanzes, sekundenweise fast ein Nijinsky – aufgehend in seinem Licht-Universum. Zu Erik Saties „Gnossiennes“ ist das der magischste Moment des Abends.
Eher kühl-spröde, dennoch exzellent gemacht Maliphants Trio „Broken Fall“, in dessen ständigem Fluss neoklassische Arabesque und Attitüde Instrumente der Equilibristik werden; und traditionelle Balletthebungen sich zu zirzensischen Balancenummern steigern.
Mit Simone Sandronis Kreation „Das Mädchen und der Messerwerfer“ nach dem Gedichtzyklus von Wolf Wondratschek hält schließlich der Streetdance Einzug ins Staatstheater. Bei Wondratschek verlässt der Messerwerfer einen kleinen Wanderzirkus und seine beiden Frauen und zieht mit dem „Mädchen“, das vielleicht seine Tochter ist, allein durch die Lande. Der Italiener Sandroni, der nach „Cambio d’Abito“ (2008) hier seine zweite größere Staatsballett-Arbeit vorlegt, hat den Zirkus auf einen Spielplatz verlegt, mit Rutschbahnen, Schaukeln und Sandkasten. Und wenn das Wondratschek-Personal hier statt Zirkusnummern ausgefallene Tanzfolgen probt, hat das in seiner Virtuosität den gleichen Kitzel wie Messerwerfen und Jonglage.
Zu pointiert rhythmischen Musiken der Münchner Gruppe 48Nord geht das rauf auf die Rutschen, rein in die Schritte, die Breakdance-Verbiegungen, die Ballettsprünge, die skurrilen Arm- und Handbewegungen. Und dieser komplexe Stil-Mix wird mit einer solch lustvollen Bravour und einem Affentempo in die Spielplatz-Manege gefetzt, wie man sie noch vor kurzem dem Staatsballett nicht zugetraut hätte.
Der zur Premiere angereiste Dichter Wondratschek, der selbst schon seit Jahren diese 35 Gedichte vertanzt sehen wollte, dürfte eigentlich nicht enttäuscht sein.
Heute und morgen jeweils 19.30 Uhr. Kartentelefon: (0 89) 21 85 19 20.
Von Malve Gradinger

