Kein bisschen leise: Mick Jagger (links) und Gitarrist Ron Wood im Olympiastadion in München.
Kein bisschen leise: Mick Jagger (links) und Gitarrist Ron Wood im Olympiastadion in München.
Hoppe/dpa
München
Seit ihrem ersten Konzert 1965 im Circus Krone, kehrt die damals gerade mal drei Jahre alte Band regelmäßig für Konzerte in die Landeshauptstadt zurück. In diesem mehr als einem halben Jahrhundert haben Mick Jagger & Co. dabei nicht nur das Münchner Nachtleben und Clubs wie das P1 oder das nicht mehr existierende Tiffany unsicher gemacht, sie haben hier auch zwei ihrer Platten aufgenommen. In den 70er-Jahren entstanden in den Musicland Studios „It’s Only Rock’n’Roll“ und „Black And Blue“. Aus der Ersten spielen die rüstigen Rocker heute das Titelstück.

 

Und es ist immer noch die wahre Liebe zwischen den Münchnern und den Stones, denn trotz teilweise horrender Ticketpreise ist das Olympiastadion ausverkauft. Jagger erwähnt, dass es ihre 15. Show in München und schon die neunte unter dem berühmten Zeltdach ist.

Zuerst aber lässt das generationsübergreifende Publikum die isländische Band Kaleo mehr oder weniger wohlwollend über sich ergehen. Wie man nicht nur an den zahlreichen Zungen-Shirts erkennen kann, wollen alle nur Jagger, Wood, Richards und Watts sehen. Schließlich könnte es das letzte Mal sein, dass das legendäre Quartett, das es zusammen auf 293 Lebensjahre bringt, auf Tour kommt.

Wobei man das angesichts der Leistung, welche die Rock-Urgesteine knapp zweieinhalb Stunden abrufen, nur schwer glauben kann. Mick Jagger ist körperlich und stimmlich topfit wie die sprichwörtlichen Turnschuhe, die er und seine Kollegen tragen. Was die musikalische Qualität anbelangt, muss natürlich auch unbedingt die Leistung der Mitmusiker wie Chuck Leavell an den Keyboards und Darryl Jones, der seit 1993 an Stelle von Ur-Stone Bill Wyman in die Basssaiten greift, erwähnt werden.

Um 20.30 Uhr beginnt eine extrem coole – nicht nur wegen der frostigen Temperaturen – und hochklassige Vorstellung. Jagger turnt über die Bühne, Charlie Watts gibt gelassen seine jazzigen Beats am Schlagzeug dazu und die beiden Gitarristen reißen ein legendäres Riff nach dem anderen. Keith Richards mag sich im Laufe des Abends zwar am wenigsten bewegen, aber seine kleine Gesten wie dieses unglaublich coole Hochziehen der rechten Schulter beim Gitarrespielen oder das gelegentliche Vorbeugen lassen die 70 000 Rockfans ausrasten.

Nach einem Klassiker-Hattrick aus „Sympathy For The Devil“, „It's Only Rock’n’Roll (But I Like it)“ und „Tumbling Dice“, zeigt Jagger bei der 97er-Nummer „Out Of Control“, dass er nicht nur ein starker Sänger, sondern auch ein ausgezeichneter Harmonikaspieler ist. Noch bluesiger wird es mit zwei Stücken aus dem aktuellen Album „Blue And Lonesome“ und dem Titel „Dancing With Mr D“ vom Longplayer „Goats Head Soup“. Der seit 1973 nicht mehr live gespielte Song zeigt hervorragend die urigen Ursprünge der gut gelaunten Band.

Dank der gigantischen Videosäulen auf der Bühne kann man gut erkennen, dass die Herren alle unheimlich zerknittert, aber in keiner Weise zerknirscht sind. Richards und Wood strahlen regelmäßig über die faltigen Gesichter und selbst der tiefenentspannte Charlie Watts kann sich das eine oder andere Grinsen nicht verkneifen. Vorturner Jagger ist sowieso eine Klasse für sich und versucht sich mehrfach am bayerischen Dialekt, als er „seine“ Stadt schon frühzeitig mit „Servus Minga“ begrüßt und zum Finale den Kracher „Start Me Up“ mit einem fröhlichen „Pack ma’s“ ankündigt. Und weil’s mit der Sprache so gut klappt, will’s der Stones-Frontmann später dann ganz genau wissen: „Sind Leute aus Berlin hier?“, fragt er auf Deutsch. Riesenaufschrei der offenbar stattlichen Hauptstadtfraktion im Auditorium. „Sind Leute aus Nürnberg hier?“ Dem Gebrüll nach zu schließen eine ganze Menge. Und dann tatsächlich: „Sind Leute aus Ingolstadt hier?“ Der Lärmpegel sinkt zwar, doch immerhin ist auch die Schanzer Fraktion deutlich zu vernehmen.

Natürlich darf auch in München der wie üblich eher wortkarge Keith Richards für zwei Songs – das aufgekratzte „Happy“ und das wunderbar wehmütige „Slipping Away“ – ans Mikrofon – und zeigt sich sichtlich gerührt angesichts der ihm entgegengebrachten Begeisterung. Und dieser Publikumszuspruch, dieser Respekt, diese Liebe, sie kommen nicht von ungefähr: Die Rolling Stones rocken heute wieder mehr als bei früheren Hochglanzshows, wo übertriebene Effekte schon mal etwas von der Leistung, die heute unantastbar ist, ablenkten. „Brown Sugar“, „(I Can’t Get No) Satisfaction“ und die Zugaben „Gimme Shelter“ und „Jumpin’ Jack Flash“ zeigen, dass das quirlige Quartett noch (lange) nicht zum alten Eisen gehört. Diese wahre Liebe darf nie enden!