München: Riechen und lauschen
Bücher unter Glasglocken, Kunst für die Nase: "Bibliothek der Gerüche" nennt die japanische Künstlerin Hisako Inoue ihre Ausstellung in der Villa Stuck in München. - Foto: Averwerser
München

Strümpfig oder barfuß - je nachdem.

"Bibliothek der Gerüche" heißt die spannende Ausstellung von Hisako Inoue, die in der Villa Stuck derzeit aufgebaut ist. Unter 22 schweren Käseglocken liegen die Objekte, die Bücher, die in der Schlichtheit der Präsentation und der Konzentration auf das Wesentliche einer japanischen Teezeremonie nahekommen, in der Opulenz des Erlebens dann eher einer Aromatherapie der speziellen Art. Wissenschaftlich und nüchtern betrachtet geht es um Multisensorik, um das limbische System, um das implizite Gedächtnis und durch Gerüche ausgelöste Gemütszustände und Erinnerungen.

Die japanische Künstlerin, Jahrgang 1974, hat vor etwa zwei Jahren als Stipendiatin des Künstlerhauses Villa Waldberta einen Rundgang durch die Münchner Antiquariate und über die Flohmärkte gemacht und dabei allerlei Bücher entdeckt: Walt Disneys "Olympia in Entenhausen", eine Bibel-Ausgabe von 1819, Homers "Ilias", ein Landser-Heftchen über den Dschungelkrieg im Pazifischen Ozean oder Henrik Ibsens "Peer Gynt". Damit noch nicht genug: Im Labor von Mika Shirasu an der Staatlichen Universität von Tokio wurden die alten Bücher getestet. Nach zwölf Geschmackskategorien, wie etwa grasig, duftend, modrig, blumig, minzig oder fischig. Entstanden ist für jedes Buch ein Netzdiagramm um die olfaktorische Essenz von Büchern, die nach Kampfer, Essigsäure oder Vanillin riechen können.

Auf dem Rundgang durch die prächtige Villa Stuck ertönen auch diverse Soundinstallationen, akustische Eindrücke unterstreichen die Beziehung zwischen Mensch und Buch: Geräusche von Menschen, die durch eine Bibliothek gehen, das Geräusch des Umblätterns oder das Geräusch, wenn Bücher ins Regal zurückgestellt werden. Hisako Inoue spielt in ihrer Schau mit allen Sinnen der Besucher, vor allem aber heißt die Devise: riechen statt schauen, anfassen statt Abstand nehmen. Denn wer nur jeweils Letzteres tut, dem verschließt sich der Horizont, den die japanische Künstlerin mit ihren Objekten und ihrem Projekt öffnen will. Dem bleibt nur das Wissen darum, dass Düfte Gefühle und Erinnerungen auslösen können. Nur wer seine Nase selbst in die antiquarischen Bücher hält und sich auf das olfaktorische Spiel einlässt, wird Teil der interaktiven Schau, Teil einer ganz besonderen Erlebnisreise.

Villa Stuck, bis 14. Januar, Dienstag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr.