München: Reizvolle Klang-Perlen
Musikalisch hinreißend, szenisch manchmal irritierend: Szene aus Bizets Werk "Die Perlenfischer" in der Münchner Reithalle. - Foto: Dashuber
München

Letztlich müssten noch weitere Finalmöglichkeiten angeführt werden, etwa: Leila und Nadir dürfen ihre Liebe leben, und der enttäuscht unglückliche Zurga (natürlich der Bariton!) besteigt den Scheiterhaufen - all das, weil die 1863 im Pariser Théâtre Lyrique uraufgeführten "Perlenfischer" zwar gefielen und 18 weitere Aufführungen erlebten - nur waren dann damalige Opernliebhaber, Kenner und Intendanten mit dem originalen Schluss unzufrieden: dass Zurga erkennt, dass er einst von der keuschen Brahma-Priesterin Leila aus Todesgefahr gerettet wurde, ihr jetzt zusammen mit Nadir die Flucht ermöglicht und das Werk mit seiner verzweifelten Absage an alle Liebe endet. Deshalb wurde bearbeitet, umgestellt und geändert.

Die seit 2015 vorliegende kritische Partiturausgabe liegt nun auch der Münchner Aufführung zugrunde: Zurga bleibt in schmerzlich wütendem Liebesverzicht allein zurück. In der Münchner Reithalle wurde das dennoch heftig bejubelt, auch ohne exotisch be- und entrückende Ausstattung, ohne Kostüm und Maske. Denn als klar war, dass das total renovierte Gärtnerplatztheater weder im Herbst 2016 noch im Frühjahr 2017 bespielbar sein würde, musste Intendant Köpplinger im Frühjahr 2016 binnen weniger Wochen ein neues Jahresprogramm erstellen. Da waren künstlerische und Proben-Pläne neu in Einklang zu bringen - und bescheren so Musikfreunden erstmals seit 1945 Georges Bizets "Les Pêcheurs de Perles" im Original, wenn auch nur in konzertanter Aufführung mit szenischen Andeutungen. Das Konzept von Magdalena Schnitzler ließ vor stilistisch wirren, inhaltlich völlig verzichtbaren Videoprojektionen den starken Chor mehrmals die hintere Tribüne betreten und verlassen: eher störend, denn dramatischen Gewinn bringend. Die vier Solisten lösten sich mehrfach von ihren Notenpulten und deuteten Beziehungen und Spielzüge an. Nicht nur daraus entstand wiederholt musikdramatisch Spannendes.

Denn Bizet hat da ein unterschätztes Meisterwerk komponiert: immer wieder melodisch überreich mit einem Hauch von Exotik, dann sich zu wuchtigen Höhepunkten und einem starken Finalakt ballende Theatermusik. In der keineswegs schmeichelnden Akustik der Reithalle spielte das Gärtnerplatz-Orchester farbig und dann auch zupackend auf, denn mit Sébastien Rouland - einem Marc-Minkowski-Schüler - stand da ein sicht- und hörbar engagierter Kenner am Pult, der Bizets Werk zum Blühen und Glühen brachte. Sein zusammengekauertes Piano reichte dann auch bis zum Luftsprung-Fortissimo, formte musikalische Entwicklungen "sprechend" und beflügelte damit Orchester, Chor und Extrachor (Einstudierung: Felix Meybier). Prompt gab es schon für das Freundschaftsduett Nadir-Zurga "Au fond du temple saint" Szenenapplaus, erst recht für Nadirs "À cette voix", in dem Tenor Lucian Krasznec zum genretypischen "lyrisme franÃ.ais" fand. Jennifer O'Loughlins Leila verstrahlte in "Dans le ciel sans voiles" erst Mädchenhaftes, um dann auch zu leidenschaftlicher Sopransüße mit Nadir zu finden. Der über Leila wachende Levente Páli verströmte warm-runde Bass-Töne, eine Legato-Rundung, zu der Mathias Hausmann als Zurga erst in seiner Finalarie fand. Dafür besaß seine Auseinandersetzung mit Leila, als sie ihre todesbereite Liebe zu Nadir gesteht, eine herbdramatische Heftigkeit, die auf das tödliche Finale zwischen Carmen und José vorausweist. Dass alle vier Solisten Ensemblemitglieder sind, ließ diese seltene Repertoire-Perle Bizets noch reizvoller strahlen - zu Recht bejubelt.

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