München: Große Oper ganz klein
Einzigartige Motivation: Dirigent Andreas Pascal Heinzmann (links) probt Rossinis Oper "La Cenerentola in der Pasinger Fabrik. - Fotos: Weber/Schnauss
München

Von Rossini über Mozart bis Puccini war alles zu sehen, was auch an den großen Häusern Erfolg hat, nur eben: ganz anders. In der ehemaligen Haushaltswarenfabrik im Münchner Westen, die heute ein städtisches Kulturzentrum mit pulsierenden Leben erfüllt, ist Oper ganz nah. Hemmschwellen werden abgebaut, das Publikum sitzt mitten im Geschehen, was eine starke Identifikation mit der Handlung bewirkt. Zeitgenossenschaft im übertragenen Sinn entsteht. Die meist jungen Sänger und ein engagiertes musikalisches Team beamen die Oper mit ihren extra für Pasing geschriebenen Fassungen in unsere Gegenwart. Die Gründerväter - Dirigent Hartmut Zöbeley, Arrangeur Alexander Krampe, Regisseur Dominik Wilgenbus - sind längst weitergezogen, aber die Oper in Pasing lebt. Mehr als 1300 Vorstellungen fanden in 20 Jahren statt, mehr als 170 000 Zuschauer kamen. Zum Jubiläum sprachen wir mit Frank Przybilla (Foto links), dem Geschäftsführer der Pasinger Fabrik, und mit dem seit 2006 amtierenden künstlerischen Leiter Andreas Pascal Heinzmann (Foto rechts).
 
Herr Przybilla, wer kam auf die Idee, ausgerechnet die vergleichsweise exotische Sparte Oper an der Pasinger Fabrik zu verankern?

Frank Przybilla: Das war ein paar Jahre vor meiner Zeit, aber wie ich aus den Geschichten heraushöre war es wohl der Zufall eines glücklichen Konglomerats von einem opernbegeisterten Geschäftsführer, einem experimentierfreudigen Regisseur und einigen spielfreudigen Sängerinnen und Sängern ... und natürlich jeder Menge Rotwein. Die Anfänge hatten wohl mehr von einem Arienabend mit Klavierbegleitung als von dem heutigen Opernformat. Aber die Fabrik war schon immer ein Ort, der Experimente nicht nur zulässt, sondern sie auch fördert. Und in einer Opernstadt, die München nun mal ist, bekam dies über die Jahre eine eigene Dynamik, welche in unser Opernhaus mündete.

 

Geht Ihr Publikum denn auch in die Staatsoper?

Przybilla: Unsere Oper ist die Oper für Fortgeschrittene und für Anfänger zugleich: Manche Besucher kommen hier in der Fabrik zum allerersten Mal mit Oper in Berührung. Durch die Nähe, Intimität und der besonderen Form unserer Opern machen wir es unseren sogenannten "Ersttätern" sehr einfach. Auf der anderen Seite besteht unser Publikum zu einem großen Teil auch aus fachkundigen Opernkennern, welche die Klangqualität unserer Produktionen sowie unsere Interpretationen der Stoffe schätzen.

 

Woher reist man an, wenn man zu Ihnen kommt - auch aus Ingolstadt?

Przybilla: Schwer zu sagen. Aber natürlich in erster Linie aus München, die Münchner sehen uns als "ihr" Opernhaus an. Wenn man sich das Gästebuch anschaut, bin ich aber immer wieder auf das neue überrascht, aus welchen fernen Ländern es die Menschen hierher zu unserer Oper schaffen. Ingolstadt ist von daher aus betrachtet nur ein Katzensprung.

 

Es gibt ja einige andere Kammeropernprojekte in Bayern - die Kammeroper Augsburg, die Neuburger Kammeroper, die Pocket Opera in Nürnberg, natürlich auch die Münchner Kammeroper - woher kommt diese Sehnsucht nach der kleinen Form?

Przybilla: Vorneweg - Oper kann es gar nicht genug geben! Oper ist für mich die Reinform von Kunst: Musik und Theater verschmelzen auf das Wunderbarste, oft noch begleitet von Tanz und Film. Und entführt uns immer wieder aufs Neue in wunderbare Welten! Und ich denke es geht den Kollegen von den anderen Häusern wahrscheinlich hierbei um dasselbe wie mir - es geht nicht um die kleine Form, sondern darum, wie man die Menschen am besten berührt. Und das gelingt nun mal besser in einem intimen Rahmen, besser als in der großen Halle.

 

Die deutsche Übersetzung, die Erstellung einer eigenen Fassung, ist an den großen Häusern aus der Mode geraten - an Kammeropern wird diese Herangehensweise gepflegt. Warum?

Przybilla: Unser Ziel ist es, auch mit sprachlichen Mitteln Nähe zu schaffen zwischen der Bühne und unserem Publikum. Da gehören deutsche Texte für uns dazu, damit man sich in die Konflikte und Emotionen der Stücke gut hineinfühlen kann. Für Münchens kleinstes Opernhaus gehören die neuen deutschen Textfassungen somit zum Konzept. Nicht zuletzt spielen wir unsere Opernproduktionen in deutscher Sprache, da wir keine Übertitelungen haben. Spielten wir dann italienische oder tschechische Werke, müsste unser Publikum sehr fremdsprachengewandt sein ...

Heinzmann: Der Reiz besteht in der unmittelbaren Einheit von Zuschauerraum, Bühne und Orchester. Dies ist für die KünstlerInnen besonders, da ein ständiger Kontakt mit dem Publikum und dessen Reaktionen besteht. Dies ist eine einzigartige Motivation.

 

Was zeichnet eine Pasinger Fassung denn noch aus und wie entsteht sie?

Andreas Pascal Heinzmann: Wir setzen hier nicht auf Reduktion, stattdessen pflegen wir große Oper in kleiner Form unter Beibehaltung der großen emotionalen Komponente. Bei uns gibt es beispielsweise keinen Chor, auch verzichten unsere Instrumentierungen auf ein Klavier. Vor allem aber entsteht die Pasinger Fassung in der Zusammenarbeit von Regisseur, dem Haus und Dirigenten und in Bezug auf die räumlichen Möglichkeiten. Somit besteht ein zehnstimmiger kompakter Orchestersatz, welcher in seiner akustischen und farblichen Dimension exakt dem Raum-Bühne-Verhältnis angepasst ist.

 

Wie ist die Struktur der Oper aufgebaut, wer fördert, wer ist fest angestellt, wer hat Engagementsverträge, wie ist die Verknüpfung mit der Pasinger Fabrik?

Przybilla: Die Pasinger Fabrik ist eine Einrichtung der Stadt München. Für jede Produktion wird ein Vorsingen organisiert, zu der sich eine sehr große Anzahl von Sängerinnen und Sänger meldet. Nach diesem "Casting" werden für das doppelt besetzte Ensemble befristete Arbeitsverträge mit der Pasinger Fabrik erstellt. Durch die Wiederaufnahme im Winter kommen oft bis zu 75 Spieltage zusammen. Das Produktionsteam und die Techniker sind ganzjährig fest angestellt.

 

Im Sommer zieht die Pasinger Oper in die Blutenburg - sind weitere Experimente, wie Gastspiele, angedacht?

Przybilla: Münchens kleinstes Opernhaus ist immer wieder ein Ort des Experimentierens. So hatten wir schon verschiedene Cross-over-Projekte aus klassischer Musik und zeitgenössischem Tanz. Oder aber setzten das Medium Filmkunst in der Oper ein, erstellen eigene Kinderfassungen und sind auch regelmäßig als Ope(r)n Air-Oper erlebbar.

 

Mit zwanzig ist man als Mensch erwachsen und steht langsam auf eigenen Füßen. Was wünscht man sich als Oper zum 20. Geburtstag?

Przybilla: Manchmal wünschen wir uns, dass wir noch mehr junge Menschen für die Oper begeistern können, als wir dies ohnehin schon tun. Und manchmal einen höheren Raum, um die Musik, die Stimmen und Instrumente, sowie das Licht noch besser zur Geltung bringen zu können.

Heinzmann: Was wir uns wünschen, ist also der Dreiklang: Beglücktes Publikum. Finanzielle Sicherung. Weitere kreative Ideen, die ohne die Wirkung von riesigen Bühnenbildern auskommen.

 

Das Gespräch führte

Sabine Busch-Frank.