München: Eine fesselnde Geschichtslektion
Große Schauspielkunst: Annette Paulmann ist eine von 15 Darstellern, die in der Inszenierung "Wartesaal" brillieren. - Foto: Declair
München

Wie etwa eine beeindruckende und auch betroffen machende Bühnenversion von Lion Feuchtwangers Roman "Exil" aus dem Jahre 1940.

Parallelen zu Flucht und Vertreibung in der Gegenwart sind beabsichtigt, wenngleich der Regisseur Stefan Pucher dies nicht unbedingt in seine Inszenierung eingebaut hat. Denn was der von den Nazis aus Deutschland vertriebene weltberühmte Autor aus dem alteingesessenen jüdischen Münchner Patriziergeschlecht der Feuchtwangers im südfranzösischen Exil niederschrieb, ist zwar überzeitlich und doch an das Jahr 1935 gebunden. Vom Schicksal der vor der NS-Herrschaft nach Paris Geflohenen berichtet der fiktive und doch sehr reale Roman ebenso eindringlich wie er auch die Nazi-Clique sehr authentisch beschreibt, die sich 1940, nach der Besetzung Frankreichs durch die Wehrmacht, als deutsche Herrenmenschen in Arroganz und Intrigen gegenseitig zu übertreffen versucht.

Eigentlich wollte Stefan Pucher Feuchtwangers gesamte "Wartesaal"-Trilogie, "Erfolg", "Die Geschwister Oppermann" und "Exil", auf die Bühne bringen, aber der letztere Roman mit dreieinhalbstündiger Aufführungsdauer genügt zunächst ja auch. Zumal Pucher das Geschehen in einer scheußlich gekachelten Halle, dem Titel gebenden Wartesaal (Bühnenbild: Barbara Ehnes), auf zwei Ebenen abrollen lässt: Unten die Emigranten in ihrem Alltag in der Fremde, in ihrer Isolation und der zunehmend sterbenden Hoffnung auf Rückkehr in ihre Heimat zusammen mit den Gestapo-Schergen und den NS-Besatzern: reale Figuren aus Feuchtwangers Bekanntenkreis und hochrangige Mitglieder der NSDAP, die der Autor in seinem Roman unter anderen Namen auftreten lässt. Und oberhalb der Bühne, in einem Guckkasten, befinden sich abwechselnd die Redaktion der Exilzeitung "Pariser Nachrichten", das Wohnzimmer des Redakteurs Sepp Trautwein und dessen Frau (Maja Beckmann) und der Salon der mondänen Pariser Galeristin Lea de Chassefierre (Julia Riedler) mit Werken der "entarteten Kunst" an den Wänden. Dazu zahlreiche Szenen, die der Regisseur zusätzlich zum Bühnengeschehen als Video-Einspielungen in Nahaufnahme auf eine großflächige Leinwand überträgt, damit die in den Gesichtern der Darsteller eingefurchte Angst, die Hoffnungslosigkeit und die Verzweiflung noch expressiver zur Geltung kommen. Ein toller Regieeinfall.

Vor allem jedoch ist diese Uraufführung endlich wieder einmal ein Fest der großen Schauspielkunst, bei dem 15 Darsteller in 23 Rollen brillieren. Allen voran Annette Paulmann, Trägerin des Münchner Theaterpreises 2017, in einem grandios vorgetragenen Monolog über das Elend der ins Exil gezwungenen Emigranten und Samouil Stoyanov als der voll Idealismus und Impulsivität schier explodierende Redakteur Trautwein. Der famose Jochen Noch gibt den schneidig-arroganten Nazi-Offizier Heydebregg ab, ein Fiesling vom Scheitel bis zur Sohle, während der NS-Publizist Erich Wiesener (Daniel Lommatzsch) ein Verhältnis mit der "Vierteljüdin" Lea unterhält, aus deren Beziehung ein gemeinsamer Sohn hervorgegangen ist.

Die anderen Hitler-Speichellecker entführen den kritischen Journalisten Friedrich Benjamin (in der Doppelrolle Jochen Noch), versuchen die "Pariser Nachrichten" zu unterwandern und den jüdischen Herausgeber Louis Gingold (Peter Brombacher) zu erpressen. Doch die intellektuellen Edelfedern der deutschsprachigen Exilzeitung nehmen den Kampf auf. Ob sie ihn gewinnen, blieb bei Feuchtwanger noch offen. Die historische Entwicklung nach 1940 gab jedoch die Antwort. Und in all diesen etwas allzu ausufernden Geschehnissen und politischen Wirrnissen setzt Walter Hess als Geheimrat Ringseis einen wunderschönen Ruhepunkt. Kurzum: Ein großer Abend intelligenter Regie- und exquisiter Schauspielkunst. Ein Literaturtheater vom Allerfeinsten.

Weitere Vorstellungen vom 1. bis 3. sowie am 21., 29. und 30. Dezember. Infos unter www.muenchner-kammerspiele.de.