München: Ein starkes Jugendstück
Ein Stück über jugendliche Fanatiker und die Ohnmacht der Gesellschaft: Pan Aurel Bucher, Simone Oswald, Uwe Topmann. - Foto: Kleiner
München

Und mit Marius von Mayenburgs "Märtyrer" eine furiose Premiere hingelegt.

Ein starkes Jugendstück in einer fesselnden Inszenierung von Daniel Pfluger: die fiktive und doch sehr reale Geschichte des Schülers Benjamin Südel in den Pubertätsjahren, der als psychisch labiler Einzelgänger zum religiösen Fanatiker wird und beschließt, nur noch streng nach den alttestamentarischen Regeln und Geboten zu leben. Als "Prophet von Gottes wahrem Wort" will er fungieren und sieht sich dabei als Titel gebender "Märtyrer" in einer ihm feindlichen Umgebung.

Die reale Welt nimmt er zunehmend nicht mehr wahr, sondern glaubt die eigenen Probleme zu Hause und in der Schule samt denjenigen, die von außen auf ihn eindringen, mit fundamentalistischen Bibelsprüchen lösen zu können. In einem Kokon aus bedingungsloser Gläubigkeit an die gottgewollte Ordnung hat er sich eingesponnen. Im Biologieunterricht lehnt er spektakulär die im Lehrplan festgeschriebene Evolutionstheorie strikt ab, da diese der biblischen Schöpfungsgeschichte ebenso widerspreche wie das Verwenden von Kondomen, die das göttliche Gebot, fruchtbar zu sein und sich zu mehren, negiere. Homosexualität sei widernatürlich. Mädchen in Bikinis und andere "feminine Sittenlosigkeiten" sind sowieso des Teufels und der Satan steckt in allen der Liberalität verpflichteten Mitmenschen, vor allem jedoch in seiner Biologielehrerin, die Benjamins religiöser Verblendung durch all die alttestamentarisch-grotesken Bibelpassagen die Ideen der Aufklärung und der Humanität leidenschaftlich entgegensetzt. Doch vergebens.

Schwer erziehbar sei er schon als Kind gewesen, beklagt sich die alleinerziehende, verzweifelte Mutter (Monika-Margret Steger), und das Lehrerkollegium tippt wegen Benjamins zunehmend seltsamem Verhalten zunächst auf Drogenkonsum, bis auch die höchst unterschiedlich engagierte Pädagogenschar erkennen muss, dass dem Einzelgänger als verstocktem und vernarrtem Bibel-Fundi mit herkömmlichen Erziehungsmethoden nicht mehr beizukommen ist.

Doch der Regisseur Daniel Pfluger zeigt in dieser ungemein vitalen und flott auf der Drehbühne abschnurrenden Aufführung mit Filmeinblendungen eindringlich auf, dass religiöse Fanatiker auch durch falsch interpretierte Suren des Koran und durch vorgestrige Aussagen anderer Religionen angestachelt werden, weshalb es weltweit viele, viel zu viele Benjamins gibt. Nicht nur Pan Aurel Bucher verkörpert höchst intensiv diesen vom religiösen Wahn besessenen Jugendlichen, auch die übrigen Figuren sind, ohne Klischees zu bedienen, rollenadäquat bestens besetzt: Uwe Topmann gibt ebenso überzeugend einen zynischen Schuldirektor ab wie Matthias Wendel einen salbadernden Pfarrer und Cédric Pintarelli den smarten, aber wankelmütigen Sportlehrer. Dazu Helene Schmitt als flippige und mit ihrer Pubertätserotik nicht geizendes Teenie-Girl Lydia, während David Benito Garcia den körperlich leicht behinderten Mitschüler Georg höchst einfühlsam spielt, der mit Benjamin zunächst sympathisiert, bis er von ihm als ein von Gott gewollter Krüppel diffamiert wird.

Warum jedoch die mit großem Engagement für Liberalität und mit schier grenzenlosem pädagogischem Impetus vollgepumpte Bio-Lehrerin (Simone Oswald), die die Sympathien des Publikums voll auf ihrer Seite hat, am Ende des Stückes vom Autor in die Opferrolle gedrängt wird, bleibt der einzige Schwachpunkt in dieser ungemein packenden Aufführung.

Münchner Schauburg, ab 15 Jahre, Kartentelefon: (089) 23 33 71 55.