Ein letzter Tanz
München (DK) „Augenblick, Verweile“ – das verknappte „Faust“-Zitat als Titel für Hans Henning Paars letzte große Tanz-Premiere am Münchner Gärtnerplatztheater sagt es deutlich: Paar wäre gerne in München geblieben. Wie vom Kunstministerium entschieden, werden jedoch Intendant Ulrich Peters und das gesamte Gärtnerplatz-Ensemble nach fünf Spielzeiten verabschiedet.

Augenblick, verweile: Poetisch und knapp zugleich geht es zu in der neuen Ballett-Produktion am Gärtnerplatztheater - Foto: Schöneck
Es ist schon abgebaut: Der Theater-Kronleuchter liegt traurig gekippt auf der Bühne. Immer wieder dreht sie sich an diesem Abend, scheint die Tänzer, diese Ur-Migranten – gleich zu Beginn mit gepackten Koffern – von diesem Theater an das nächste zu tragen. Auch in dem herbsüßen Walzer-Satz aus Tschaikowskys Streicherserenade liegt etwas von dem fliehenden Augenblick. Davon vor allem handelt dieser Abend, für den Tschaikowsky genau der richtige musikalische Partner ist: sehnsuchtsvoll, gefühlsgeladen – aber nie sentimental. Ganz darauf eingestellt hat sich das Staatsorchester unter Andreas Kowalewitz.
Vor Sentimentalität hütet sich auch Choreograf Paar. Seine Bilder sind knapp, mal humorvoll, mal zart poetisch. Ein Koffer ist auf der Bühne vergessen worden. Da kippt er um, der Reißverschluss öffnet sich, und eine Tänzerin schält sich heraus. Hier verweigert jemand den erzwungenen Abschied. Wenn für Henning Paar die Auflösung seines gerade jetzt so großartigen Ensembles der erste schmerzhaft-kreative Impuls war, dann hat er diesen, ohne Larmoyanz, für eine Hommage an seine Tänzer genutzt.
Tänzer wie fein gestimmte Instrumente – immer unter dem Druck der technischen Selbstüberprüfung: Noch einmal kontrollieren sie in einem großen Spiegel ihre Körperlinie. Noch einmal gleiten sie, leidenschaftlich vertraut, hinein in Henning Paars Soli, Duette, Trios, Ensembles, in denen sich Grenzen auflösen zwischen Boden und luftiger Höhe, zwischen rasender Pirouette und komplizierten Partnergriffen. Noch einmal durchlebt eine Tänzerin ihre Pas-de-deux.
Ihre ehemaligen Prinzen hängen wie Fundus-Stücke in ihren Kostümen an einer Kleiderstange. Erinnerungen, die sich in solch skurril-komischen Träumen behaupten. Oder auch in illusionistischen Überhöhungen: In Bild 10, „Schwanensehnsucht“, tanzen Caroline Fabre und der Vietnamese Tri Than Pham, beide in weißem Schwanentütü, wunderschön verlangsamt ein Schwanen-Duo. Die Mann-Frau-Unterscheidung ist hier völlig selbstverständlich aufgehoben – so wie es dem unter seiner Homosexualität leidenden Komponisten sicher entsprochen hätte.
Am Ende wird die Bühne per Video zum hektischen Bahnhof, sausen Landschaften und Städte vorbei. In diesem letzten Teil ist Paar choreografisch nicht mehr so differenziert. Hier – wie so oft und übrigens nicht nur bei Paar – wird wieder einmal deutlich, dass moderner oder zeitgenössischer Tanz kaum einen ganzen Abend tragen kann. Es sei denn, es wird eine Handlung vertanzt, wie zum Beispiel in Paars „Romeo und Julia“-Version. Dennoch: es ist ein wehmütig-schöner Abend, der dem Tanzpublikum einmal einen Tschaikowsky jenseits von „Nussknacker“ und „Dornröschen“ präsentiert – einen Tschaikowsky, der in diesen Serenaden, Nocturnes und Elegien in sein verletzliches Inneres schauen lässt.
Von Malve Gradinger

