München: "Privat bleibe ich im Hintergrund"
Blickt auf 42 Jahre Berufserfahrung zurück: Jürgen von der Lippe. - Foto: Kowalski
München

Herr von der Lippe, über was können Sie selbst eigentlich herzhaft lachen?

Jürgen von der Lippe: Ach, in dem Zusammenhang bin ich ein sehr dankbarer Kunde. Egal, ob mir selbst etwas passiert, oder ob irgendetwas Lustiges vorgeführt wird. Jemand läuft vor die Laterne, jemand rutscht aus, ich kann über gelungene komische Formulierungen lachen - ich bin außerordentlich amüsierbereit.

 

Sie sind also das Gegenteil des Klischees vom traurigen Clown, der auf der Bühne die Menschen amüsiert, aber hinter der Bühne als eher melancholischer Mensch durchs Leben geht?

Von der Lippe: Also ein bisschen stimmt das Klischee natürlich schon. Zum einen habe ich sehr nah am Wasser gebaut, bei Büchern oder Filmen mit entsprechendem Inhalt schlägt das sehr schnell durch. Und ich stelle mich privat nicht so gern in den Mittelpunkt. Wenn ich in einer Runde sitze, bin ich nicht derjenige, der das große Wort führen muss. Ich bleibe lieber im Hintergrund und höre zu - und hoffe darauf, dass ich Input für meine Shows oder Bücher bekomme. Das hat auch damit zu tun, dass ich mich auf der Bühne oft genug produzieren kann, also habe ich privat gar nicht mehr das Bedürfnis dazu.

 

Wenn Sie also auch ein dankbarer Zuhörer und "Amüsierer" sind - gibt es auch Bereiche der humoristischen Kunst, mit denen Sie überhaupt nichts anfangen können?

Von der Lippe: Das ist sehr schwierig zu beantworten. Natürlich gibt es immer wieder Szenen, Stücke oder Sketche, über die ich mit meiner inzwischen 42-jährigen Berufserfahrung sagen muss: Das ist jetzt formal oder handwerklich nicht gut gemacht. Zum anderen hängt beim Humor vieles a) vom Geschmack und b) von der Tagesform ab - sowohl vom Künstler als auch vom Rezipienten. Ein ganz altes Beispiel: Ein Kumpel von mir hatte sich eine Platte von Ulrich Roski zum Geburtstag gewünscht. Als ich ihm diese Platte mittags kaufte, hörte ich sie vorher im Elektrogeschäft in einer dieser Kabinen, wo man damals Platten Probe hören konnte, an. Ich dachte mir: Was ist das für ein Mist? Abends legten wir bei der Geburtstagsfeier in lustiger Runde diese Platte auf - das Ergebnis: Alles lacht; wer lacht am lautesten? Ich! Bei der Humoristik - das gilt auch für Musik und Literatur - sind die Umstände der Rezeption sehr wichtig dafür, ob man es gut findet oder nicht.

 

Aber ist das dann die Entscheidung, ob etwas witzig ist oder nicht, nicht ehrlicher, wenn man sie allein trifft, als wenn man Sie in einer Gemeinschaft trifft, wo alle schon gut drauf sind und fast alles irgendwie witzig ist?

Von der Lippe: Natürlich werden Sie, wenn Sie im Saal sitzen, sofort angesteckt und mitgerissen: Aber dafür bezahlen Sie ja! Wenn Sie mit anderen Menschen in einem Saal sitzen, haben Sie dieses Zauberhafte, dieses Gemeinschaftsgefühl, das durch nichts zu ersetzen ist. Das kann eine Schallplatte oder eine CD oder eine DVD nie bieten. Deshalb wird auch unsere Zunft nie aussterben - weil es für das Live-Erlebnis kein adäquates Surrogat gibt! Wenn Sie in eine Live-Show gehen, bezahlen Sie dafür, dass Sie dieses Gemeinschaftserlebnis haben und dass Sie es schön haben. Zu Hause, allein am Wohnzimmertisch, haben Sie es nicht so schön.

 

Dann ist also für einen Humoristen gar nicht die Originalität das wirklich Entscheidende, sondern eher die Fähigkeit, allgemein eine gute Stimmung zu kreieren? Auf Deutsch gesagt: Ein Witz kann schon mal geklaut sein?

Von der Lippe: Nein, einen Witz von Kollegen klaut man nicht, das gehört sich nicht. Zumindest von Kollegen aus dem eigenen Land. Wenn man aber von einem US-Amerikaner einen guten Gag hört, ist das vielleicht etwas anderes. Wobei die auch innerhalb des eigenen Landes sich voneinander inspirieren lassen, um es mal so zu sagen. Dazu kann ich eine sehr schöne Geschichte erzählen. Es gibt diesen klassischen Gag: "Sind hier Vegetarier im Raum" Es zeigt keiner auf - dann sagt man: "Aha, zu schwach, um noch die Hand zu heben." Diesen Gag habe ich bei sieben, acht Amerikanern gehört - über Internet und Netflix ist ja das heutzutage kein Problem. Ich habe diesen Gag auch in mein Programm mit eingebaut. Ein halbes Jahr später kommt die neue Platte von Michael Mittermeier heraus - mit ebenfalls diesem Gag. Wir treffen uns bei einer Veranstaltung und ich sage: "Michael, du hast einen Gag, den habe ich auch." Sagt er: "Ach, da kam der Thomas Hermann mit an und sagte zu mir: ,Den kannst du haben!'"

 

Das Interview führte Markus Schwarz.