München: Blick in die Wohnzimmer
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München

Dass sich der vergleichsweise kleine Verein mit seinen 250 Mitgliedern hinterm Christkindlmarkt am Marienplatz so ins Zeug warf, hat natürlich einen Grund. Vor genau hundert Jahren taten sich zwei Dutzend Bürger zusammen, um sich der Münchner Krippenpflege zu widmen. Mitten im Ersten Weltkrieg war das, man darf dieses Kümmern um die eher volkstümliche Übersetzung der Frohbotschaft in so desaströsen Zeiten also durchaus als Suche nach Trost und als Bekenntnis verstehen.

Und da wir schon bei den Haltungen sind: Das "Haus von Nazareth", eine Szene aus der Krippe von Gründungsmitglied Sebastian Osterrieder, zeigt den Jesusknaben mit einer Art Kippah und damit als Juden. Überhaupt wollte der im niederbayerischen Abensberg geborene Bildhauer dem orientalischen Ursprung der Weihnachtsgeschichte möglichst nahe kommen. Osterrieder, den alle nur den "Krippenwastl" nannten, war bereits 1910 nach Palästina gereist, um sich ein umfassendes Bild zu machen. Deshalb gibt es in seinen Krippen so wunderbare Details wie einen Beduinen, der im Schneidersitz auf einem üppig bepackten Kamel thront und nach den Sternen Ausschau hält. Das war alles nicht so selbstverständlich, das politische Klima in den 1920er-Jahren bekanntlich immer reaktionärer. Umso mehr beeindruckt eine Mammut-Ausstellung des Vereins, die vom 19. November bis zum 11. Dezember 1932 sagenhafte 40 000 Besucher in den "Weißen Saal" der ehemaligen Augustinerkirche gezogen hat. "Christus ist unser Führer" stand auf den Wurfzetteln - Führer sogar fett gedruckt. Wenige Wochen später, am 30. Januar 1933, wurde Hitler zum Reichskanzler ernannt. Auch solche historischen Verweise sind in der Ausstellung zu studieren, sofern man sich zwischendurch von den immerhin 100 Krippen lösen kann. Von den prächtigen, zum Teil bis zu 400 Jahre alten Szenen aus dem Leben Jesu - herrlich, wenn ihn der Teufel auf der Hintertreppe zu verführen versucht -, bis zu den Exponaten aus privaten Haushalten. Und die sind fast interessanter als die "offiziellen", denn man tut damit auch einen Blick in die Wohnzimmer der Leute. Das reicht von einer Krippe aus Isarkieseln bis zur Tiroler "Krippe to go" im ausklappbaren Schachterl.

Dazwischen überrascht ein Exemplar der Gebrüder Ratzinger, also Ex-Papst und Domspatzen-Dompteur, mit Figuren aus Neapel, Schafen des Münchner Schnitzers Georg Anderl und einer etwas verkitschten Kopie des Passauer Gnadenbilds.

Apropos Kitsch: Dass man mit Schokoladenpapierchen und Flitterzeugs selbst ein Traumschloss fürs Jesuskind bauen kann, beweist eine Leihgabe aus Krakau. Sowieso sind Krippen längst ein globales Phänomen, das sieht man an Beispielen aus Peru, wo statt Hirten und Königen die Tiere des Dschungels beim Jesuskind vorbeischauen, oder aus Burkina Faso, da ist die Heilige Familie mit gewagt schrillem Ergebnis in Messing gefasst. Übertroffen wird das nur noch von Dalís Uhren, die Monika Linder zum Hintergrund fürs heilige Geschehen umfunktioniert hat.

Dass Martin Luther im Reformationsjahr eine eigene Vitrine bekommen hat, versteht sich von selbst. Ihm haben wir es wohl zu verdanken, dass große und kleine Kinder nicht mehr (nur) an Nikolaus, sondern in erster Linie an Weihnachten beschenkt werden.

"100 Jahre Münchner Krippenfreunde", bis 26. Dezember, täglich von 10 bis 19 Uhr (Hl. Abend geschlossen), in der Rathausgalerie im Neuen Rathaus am Marienplatz, Eintritt frei.