Manching: Der Tod ist grau
Tagsüber im Krieg, abends zu Hause bei Mann und Kind: Die Air-Force-Pilotin (Mira Fajfer) hält diesem permanenten Druck nicht stand. Die Produktion "Am Boden" des Stadttheaters Ingolstadt wird im Hangar des Flughafen Manchings gespielt. - Foto: Olah
Manching

"Am Boden" heißt der furiose Monolog des amerikanischen Dramatikers George Brant, der am Samstagabend als Downtown-Produktion des Stadttheaters Ingolstadt am Flughafen Manching Premiere hatte - eine kluge, berührende, fesselnde Reflexion über die grotesken Auswüchse der virtuellen Kriegsführung. Erzählt wird von einer namenlosen Kampfpilotin, die nach ihrer Schwangerschaft versetzt wird - von der "Air Force zu den Sesselfurzern der Chair-Force". Fortan arbeitet sie "am Boden" und steuert in einem Container irgendwo in der Wüste von Nevada 8000 Kilometer entfernt vom Krieg in Afghanistan Drohnen. In Zwölf-Stunden-Schichten. "Schon komisch. So groß ist der Bildschirm nicht. Aber er wird zur ganzen Welt." Tagsüber ist sie im Krieg, abends Frau und Mutter. Kein Staub, kein Blut. Nur kleine Bewegungen der Hand mit dem Joystick. "Es ist kein fairer Kampf, aber er geht schneller", sagt sie. Das Töten, das Adrenalin - all das birgt Suchtpotenzial. "Ich bin Gott", jubelt sie einmal. Doch auch hier gibt es die Frage nach Schuld, Gerechtigkeit, Menschlichkeit. Der Druck wächst. Und irgendwann vermischen sich die Wüste, in der sie lebt, und die Wüste, die sie patrouilliert. Auf den Bildern, die die Drohne auf ihren Computerbildschirm schickt, sieht sie ihr eigenes Auto fahren. In dem Kind ihres Opfers vermeint sie ihr eigenes zu erkennen. Sie ist unfähig, den Knopf zu drücken.

Wolfgang Menardi hat sich in Ingolstadt bisher in erster Linie als Bühnenbildner bekannt gemacht. Für Alexander Nerlichs Inszenierungen "Grillenparz", "Jenny Jannowitz" und "Dekalog" schuf er düstere-surreale Gedankenräume, die stets spannenden Assoziationsspielraum boten. Und obwohl die aktuelle Produktion "Am Boden" im Flugzeughangar gezeigt wird, hat Menardi wieder einen Innenraum gebaut. Alles, was wir sehen, findet im Kopf der Pilotin statt, die sich zu diesem Zeitpunkt schon im Militärgefängnis befindet. Ein kleines Lichtquadrat ist Mira Fajfers Bühne in dem riesigen Raum. Drum herum vermitteln säuberlich zusammengefaltete Uniformen eher den Eindruck einer Installation. Sind es ihre Toten? Ihre Kameraden? Die geordnete Welt des Militärs, die so lange Halt gab? Ein Pferdeskelett, das für die Wüste stehen könnte. Links und rechts Glaselemente zu Projektionszwecken. Die riesige Türenfront wird als vergrößerter Computerbildschirm genutzt. Und zwei Flugzeuge erinnern an den eigentlichen Zweck des Raumes.

Natürlich hätte man das Stück auch im Theater spielen können. Aber dieser Ort, der Hangar, die Welt, für die er steht, die Technik, die Geschwindigkeit, das Transitorische, das alles macht etwas mit einem.

Nicht nur für die Bühne, sondern auch als Regisseur findet Wolfang Menardi starke Bilder für dieses eindringliche Stück der permanenten Grenzüberschreitung. Subtil setzt er etwa Videotechnik ein. Lässt auf die riesige Torfront graue Drohnenbilder übertragen, die mehr und mehr von den privaten der Pilotin überlagert werden (eine Kamera über dem Spielpodest macht das möglich). Immer wieder blitzt das Sehnsuchts-Blau aus ihren Träumen auf, wird aber von hypnotischem Formenspiel zwischen Grell und Grau absorbiert (Video: Stefano Di Buduo). Dazu Malte Preuß' Sound: diffuses Rauschen, digitaler Herzschlag, treibender Beat, gemischt mit ACDC und Dean Martins "My Rifle, My Pony and Me".

In Mira Fajfer hat Regisseur Menardi eine Schauspielerin, die die Zerrissenheit ihrer Figur mit großer Energie, Präzision und Zartheit zu zeigen vermag. Noch zu Beginn ist sie die toughe Pilotin, die ihren Kampfanzug mit Pathos und Patriotismus trägt (Kostüm: Franziska Schweiger), die sich mit Grips und Chuzpe in der Männerdomäne durchgesetzt hat. Dann geht sie durch die ganze Gefühlsklaviatur des Mutterwerdens und -seins. Und schließlich zerreibt sie sich zwischen ihrem realen Alltag und der virtuellen Kriegsmaschinerie. Diese Auflösung, diese Ticks, dieses Nicht-mehr-Zurechtfinden, die fiebrige Paranoia, die zunehmende Isolation, die Aggression gegen sich selbst, der stete Krieg im Kopf, der psychische Zusammenbruch - all das spielt Mira Fajfer mit staunenswerter Virtuosität, wechselt behände zwischen Erzähl- und Spielebene, überträgt die Anspannung auf das Publikum, lässt es die Extreme spüren.

Was für ein Kraftakt ist dieser 90-minütige Monolog. Ein starker Theaterabend, der lange nachhallt.