Jörg Widmann (43) wollte ganz groß hinaus mit seinem Monumentalwerk, das selbst Gustav Mahlers „Sinfonie der Tausend“ klein erscheinen lässt. Es wurden letzte Fragen des Daseins diskutiert, die Schöpfungsgeschichte neu dargestellt, ein Requiem dazwischengeschoben, einen Abschnitt über die Liebe und einen Friedensappell im Schlussteil anfügen. Für seine Arche hat Widmann Texte unterschiedlichster Art zusammenvertäut, vom Alten Testament bis zu Heine und Sloterdijk, Schiller, Mathias Claudius und vielen anderen.

Das Ergebnis ist so disparat und so vielfältig wie das Innere von Noahs Arche: Es wimmelt von Anspielungen auf Bach, Bernstein, Schumann und vor allem Beethoven. Dessen Chorfantasie (eine Art Vorläufer des bombastischen Schlusssatzes der 9. Sinfonie) hat Widmann zu einem fulminanten Appell an die Menschlichkeit umgeformt, vor dem Hintergrund des dies irae - von Gottes Zorn.

Aber es gibt auch Passagen, die an das romantische Kunstlied erinnern, musicalhafte Abschnitte und ganz am Ende ein von Kindern gesungener Kanon, der so rein klingt, als entstamme er der Feder Anton Bruckners. Nur die persönliche Handschrift des Komponisten Jörg Widmann kommt vor lauter aufgearbeiteter Musiktradition, lauter postmoderner Verarbeitungs-Virtuosität ein wenig zu kurz.

Auf die vermeintlichen Vorzüge der Saalakustik wollte man sich diesmal nicht vollständig verlassen. So setzte man bei den Sängern zahlreiche Mikroports ein, bei denen die Töne über Lautsprecher verstärkt werden. Insgesamt wirkte die Akustik ausgeglichen, wenn sich auch herausstellte, dass bei Sitzplätzen, die weiter entfernt sind vom orchestralen Geschehen, die analytische Durchhörbarkeit erheblich abnimmt und der Saal-Hall fast schon als störend empfunden wird.

Dirigent Kent Nagano hat umsichtig und engagiert das biblische Schiff durch die philharmonischen Fluten gelenkt, die Chöre, besonders der unglaublich textverständlich und frisch singende Audi-Chor, haben vorzüglich mit dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg zusammengearbeitet. Jubel von biblischen Ausmaßen nach rund 90 Minuten Aufführungsdauer in der Elbphilharmonie.  

Eine ausführliche Einschätzung des Konzerts lesen Sie am Montag im DONAUKURIER, oder am Sonntagabend auf donaukurier.de.