Mittwoch, 30.05.2012 |

 

01.11.2009 18:50 Uhr | 262x gelesen
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Komisch und menschlich


Bild: Komisch und menschlich .  Ingolstadt (DK) Sie haben keine Gesichter, keinen Schatten, keine Farbe und keinen Raum, in dem sie leben. Sind einfach da auf dem weißen Blatt, ein bisschen unheimlich und verloren. Doch viel zu konturiert für Gespenster sind Barbara Wredes Schwarz-Weiß-Figuren, zu komisch und zu menschlich sowieso.

Ingolstadt (DK) Sie haben keine Gesichter, keinen Schatten, keine Farbe und keinen Raum, in dem sie leben. Sind einfach da auf dem weißen Blatt, ein bisschen unheimlich und verloren. Doch viel zu konturiert für Gespenster sind Barbara Wredes Schwarz-Weiß-Figuren, zu komisch und zu menschlich sowieso.



Alltagsbeobachtungen in Kunst umgesetzt: Barbara Wrede in der Theatergalerie. - Foto: Herbert
Trotz Gliedmaßen, die plötzlich zu endlosen Fäden werden, trotz reiner Torso-Existenz, trotz Beinen, die an Kitteln hängen: Da ist Habitus, Haltung, erlebte Situation, Emotion vielleicht sogar. Da ist menschliche Erfahrung, bitter ernst. Und nicht ganz ernst genommen.

"Nichts verschieben!" warnt die Berliner Künstlerin in der Galerie des Kunstvereins im Titel ihrer Ausstellung. Genau: Könnte doch jede Sekunde die letzte sein – und zum "Verschwinden" führen. Das ist das Thema, mit dem sich die 43-Jährige vorwiegend befasst: In ihren wundersamen kleinen und großen Schwarz-Weiß-Zeichnungen, im noch packenderen "Rasenstück" – einer großen Endlosserie von hellen Konturen unter Grün – und den herrlichen kleinen Text-Bild-Kombinationen auf den Tischen. Hier, im sehr komischen Zusammenspiel von Zeitungsfotos und mit einer alten Schreibmaschine getippten Notaten, Kürzestgeschichten aus ein, zwei Sätzen oder Minidialogen, kommt das Verschwinden als konkretes Wort in allen seinen Erscheinungsformen auf jedem der Büttenblätter vor, aber es lebt und wirkt genauso auf den anderen Werken. Denn Momentaufnahmen sind Wredes Bilder alle, und was wäre der Moment schließlich anderes als ein impliziertes "Womöglich-gleich-nicht-mehr-da".

Aus Alltagsbeobachtungen strickt die akademische Künstlerin, die von heftiger Malerei zur Reduktion der Zeichnung kam, ihre Arbeiten in Serien, die den gesehenen Moment indes nicht wiedergeben, sondern ihn kommentieren in seinem verborgenen Inhalt, seiner Bedeutungshaftigkeit. Und sie ist eine ausgezeichnete Zeichnerin, weit weg von jeder Skizzenhaftigkeit. Ihre Menschen, Gestalten, ja Manschkerl eigentlich, diese rundamöbenhaften Figuren, sind gültig gesetzt, in schmaler, doch keineswegs zarter Kontur, die kein Zögern, keinen Bruch erkennen lässt. Wie mit einem einzigen Strich gemalt, so schlüssig, dass auch das schon wieder unheimlich wirkt, präsentieren sich die Manschkerl, mit Haltung und Ausdruck, ob sie nun halb in einem Loch vergehen (oder daraus hervorkommen), ob sie ausnahmsweise nicht als Kontur, sondern als schwarze Fläche erscheinen, mit einer Art Gießkanne vor dem Kopf oder als Kopf in leeren Riesenhosen staken. Das ist pointiert und oft sehr komisch, allem inneren Erschrecken zum Trotz.

Während beim "Rasenstück" ein solcher Trost nicht bleibt. Als durchlaufender Fries gestaltet sind zwölf der großen Blätter der Serie: Grünschwarzes Lackgemisch fließt vertikal über das Papier, darunter von der Farbe schon halb verschluckte weiß konturierte Menschenform: Angespannte Haltung, grüblerisch da, abwehrend hier, verzweifelt dort. Das Verschwinden, hier steht es auf mit Macht.

Bis 31. Dezember in der Galerie im Theater, Di bis So 11 bis 18 Uhr.


Von Karin Derstroff

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