Ingolstadt: Zwischen seriös und spektakulär
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Ingolstadt

Beim Konzertverein Ingolstadt wird zweifellos Nemanja Radulovic diese Rolle in der kommenden Spielzeit einnehmen. Der Serbe fällt auf, nicht nur wegen seiner wilden Mähne und der originellen Konzertgarderobe. Und auch nicht nur, weil er sich wie ein Teufelsgeiger stilisiert - sondern weil er wirklich einer ist.

Auffällig ist bei Radulovic vor allem das schwarze, schwerlockige Wuschelhaar. Es ist inzwischen so etwas wie sein Markenzeichen, man redet manchmal mehr darüber als über seine Interpretationen - was den Geiger eher ärgert. Zu Unrecht. Radulovic ist mehr als ein bloßes Marketingprodukt der Plattenfirmen. "Noch verwende ich mehr Stunden auf das Üben als auf die Haare", betont er übel gelaunt.

Rudolovic hat ein gewissenhaftes Studium absolviert, bei so bedeutenden Geigern wie Yehudi Menuhin und Salvatore Accardo. Er verfügt über eine beeindruckende Technik, spielt mit gleicher Sicherheit Werke von Paganini wie von Mozart oder Bach. Aber: Er hat eine eigene Art, diese Werke zu präsentieren, er stellt sich weder in die Tradition der Originalklang-Apologeten noch ist er ein Traditionalist. Sein Bach etwa klingt einfach so, wie es ihm gefällt - fetzig und schnell gespielt, mitreißend, fern jeglicher stilistischer Rücksichtsnahme. In Ingolstadt wird er übrigens einen breiten Querschnitt seines Könnens präsentieren, von Bach bis Sarasate. Man darf gespannt sein.

Ein genialischer Querkopf alleine macht allerdings noch kein überzeugendes Saisonprogramm. Quasi als Gegengewicht hat die Vorsitzende des Konzertvereins, Eva-Maria Atzerodt, zahlreiche äußerst seriöse Künstler eingeladen. Etwa den Pianisten Till Fellner, einen Schüler des legendären Alfred Brendel. Der Österreicher, der hinreißend spielt, aber ganz gewiss nicht den Ruf eines mimosenhaften Tastenlöwens besitzt, trat bereits mit den besten Dirigenten unserer Zeit auf, etwa mit Kirill Petrenko oder den kürzlich verstorbenen Pultstars Nikolaus Harnoncourt und Kurt Masur. In Ingolstadt wird er ein reines Schubert-Programm präsentieren.

Wie fast immer in den vergangenen Jahren nehmen auch diesmal wieder Vertreter der historischen Aufführungspraxis einen breiten Raum ein im Programm des Konzertvereins. So kommt erneut der Pianist Andreas Staier, diesmal zusammen mit der Geigerin Isabelle Faust. Eingeladen wurde auch der Dirigent Reinhard Goebel, der Werke der Söhne Johann Sebastian Bachs aufführen wird. Und es kommt die Gamben-Legende Hille Perl mit dem Vocal-Ensemble Amacord.

Dem gegenüber stehen eher romantisch-virtuose Formationen, wie etwa der Geiger Ingolf Turban, der zusammen mit den I Virtuosi di Paganini Werke unter anderem von Rossini und Mendelssohn vorstellen wird.

Ein Höhepunkt der Saison wird sicherlich wieder der Liederabend mit Daniel Behle. Dem Tenor gelang vor etwa einem Jahr eins der besten Konzerte des Konzertvereins seit Jahren mit dem Vortrag von Schuberts Zyklus "Die schöne Müllerin". Diesmal kommt er mit dem noch berühmteren Schubert-Zyklus "Die Winterreise" - allerdings in einer höchst ungewöhnlichen Besetzung. Anstelle des Klaviers begleitet ein Klaviertrio die melancholischen Gesänge. Mit dabei ist der phänomenale Liedbegleiter Oliver Schnyder.

Obwohl die höchst erfolgreich verlaufene Jubiläumssaison "100 Jahre Konzertverein" bereits hinter uns liegt, wird dennoch auch in dieser Spielzeit doch noch einmal gefeiert. Am 12. November 2017, genau an dem Tag, als 100 Jahre zuvor der Konzertverein gegründet wurde, gibt die Philharmonie Kiew ein Festkonzert. Auf dem Programm steht große romantische Sinfonik: Brahms, Grieg und Schumann (das populäre Klavierkonzert). Kraftvolle, opulente Musik. Großformatige Werke jedenfalls, wie sie in Ingolstadt immer noch eher selten zu hören sind. Und mit denen sich das 100-jährige Bestehen der beliebten Konzertreihe glanzvoll feiern lässt.