Ingolstadt: "Wir brennen fürs Theater"
 
Ingolstadt
Bis jetzt haben die 16 Mitglieder des Spielclubs der Ingolstädter Theaterpädagogik in Privatsachen gespielt. Da aber ihre Eigenproduktion „www.sucheheimat.de“, der „Performance über (fremde) Heimat“ , die am 19. Mai Premiere im Kleinen Haus hat, auch von einer Zeitreise erzählt, soll die Kleidung zur dargestellten Zeit passen. Die Kostüme sollen von Verlust, vom Verlassen der Heimat, von der Suche nach neuer Heimat erzählen. Einst und jetzt. „Was haben Flüchtlinge angehabt“, fragt eine hochgewachsene junge Frau und geht auf Brunhild Boeker zu. Die Ankleiderin und Mitarbeiterin im Theaterfundus eilt zwischen Reihen vollgehängter Kleiderständer hin und her und sucht nach passenden Stücken .

„Welche Größe brauchst du für das Dirndl“, fragt Boeker. „Am besten die größte Größe“, antwortet Anita Jehle lachend. Sie wird in einer Szene jenen Spot nachspielen, mit dem im Bayerischen Fernsehen zurzeit die Vielfalt der Bevölkerung vorgestellt wird: In oft nicht-bayerischen Idiomen heißt es da „Und da bin I dahoam. . .“

„Ist das richtig für ein Flüchtlingskind“, fragt eine zierliche, rothaarige Frau. Gisela Bewig hat ein mausgraues, viel zu großes Etwas an. Dafür kann Ute Krug den untersten Knopf eines Mantels nicht schließen. „Ich lass das so. Wir wollen mit der Probe anfangen“, sagt sie zu Spielleiterin Victorija Haderer.

Die Theaterpädagogin mit Erfahrung im Straßentheater leitet den Spielclub seit November. In den ersten Sitzungen fiel die Entscheidung, sich dem Thema der Theatersaison, „Fremde Heimat“, anzunehmen. „Was ist uns alles eingefallen!“, sagt Ensemblemitglied Ursula Kirchner, die gerade ihre Kleider von Brunhilde Boeker registrieren und auf einen für die Produktion vorbereiteten Kleiderständer hängen lässt. Die Kostüme werden in der Abfolge der Auftritte aufgehängt , damit das Umziehen schnell klappt. Ursula Kirchner und Annika Müller erzählen, dass es beim Thema Heimat um „Nudelsuppe, um Geruch, um Sand und Meer, Familie und mehr“ ging, dass Erinnerungen aufkamen. „Das ist in die Spielszenen eingeflossen, in Dialoge, in Bewegungen und in Butoh-Tanz“, so Victorija Haderer. Sie haben in die Performance auch Gedichte unter anderem von Mascha Kaleko eingearbeitet. Willy Pitroff und sein Sohn Oliver treten in einen kritischen Dialog über Europa, summen am Ende „Freude schöner Götterfunken“. Sylvie Kegne sagt stellvertretend für die junge, mobile Generation: „Ich bin nach Deutschland wegen des Studiums gekommen.“

15 Uhr: Musik ertönt. Die Inspizientin des Stadttheaters, Heidi Groß, ist heute erstmals dabei, testet Licht und die Musik. „Ich bin bei den Vorstellungen dafür und für eure Einsätze verantwortlich“, sagt sie. „Achtung! Aufstellen! Jetzt kommt ein erster kompletter Durchgang!“, ruft Haderer. Willy Pitroff legt sich auf drei Stühle, als lümmele er sich auf einer Couch. Zusammen mit Brigitte Renner als seine Ehefrau und Ursula Kirchner als Tochter erlebt er eine Evakuierung aus der Wohnung wegen des Entschärfens einer Bombe. Das erinnert ihn an Krieg und Vertreibung – „wie die Älteren, wenn eine Fliegerbombe gefunden wird“.

Frauen packen aus Koffern und Taschen Erinnerungsstücke aus. Heimat als konkreter Sache. Die Ostfriesin Gisela Bewig breitet Tücher und Muscheln als blaues Meer und gelben Strand aus, singt das Lied von der Nordsee. Die anderen summen mit. Bis 18 Uhr proben sie, tanzen, lachen und umarmen sich. „Bitte noch einmal!“ ruft Victorija Haderer ein ums andere Mal. Die Männer schleppen Tisch und Stühle, schwitzen.

Warum tun sie das nur? „Wir brennen für das Theater.“ Und: „Hier kann ich eintauchen in eine andre Welt.“ Eine gute Gemeinschaft seien sie geworden über das Nachdenken und das Spiel zu „Fremde Heimat“. Was das ist? Ein Ort, ein Traum, ein Mensch, man selbst. Anderes. Was? Poetisch, musikalisch, rhythmisch gibt es die Antworten bei der Premiere am 19. Mai und bei den Vorstellungen am 20. Mai und 10. Juni, im Kleinen Haus, jeweils 20 Uhr.