Ingolstadt: "Virtuosität liegt mir"
»Mit 88 Tasten um die Welt« heißt das Programm von Joja Wendt. Der 49-Jährige verzaubert sein Publikum mit Humor, witzigen Geschichten und Virtuosität - Foto: oh
Ingolstadt
Wenn er von seinem Werdegang erzählt, sprudeln die Worte maschinengewehrschnell aus ihm heraus – als wenn er flinker denken würde, als sein Mund sprechen kann. Dabei lässt er unruhig sein iPhone von einer Hand in die andere gleiten, um es dann gelegentlich zu zücken und ein Video oder einen anderen Effekt zu präsentieren.

So fängt er etwa plötzlich an zu singen – und erzählt dazu eine Geschichte: Einige Rumänen hätten angezweifelt, dass das deutsche Publikum wirklich musikalisch sei. „Wenn du deinem Publikum unsere Volkslieder beibringst, dann hast du eine Wette gewonnen“, zitiert er die rumänischen Freunde. Er beginnt, ein ziemlich schräges Lied zu singen und mit seinem Smartphone aufzunehmen. Dann spielt er das Lied ab – und man erkennt, es war Beethovens Hymne an die Freude. Wendt hatte das Lied rückwärts wiedergegeben. Mit solchen und ähnlichen Effekten unterhält Wendt sein Publikum. Da gibt es etwa ein Stück von ihm mit dem Titel „Gordischer Knoten“, bei dem Wendt das Gewirr der Stricke mit undurchschaubaren Läufen darstellt, die dann ein entfesselter Boogie zur Auflösung bringt. Dabei sind die pianistischen Fallstricke für das Publikum hervorragend nachzuvollziehen, da die Tastatur auf eine große Leinwand übertragen wird.

Als ausgebildeter Jazzpianist liebt Wendt natürlich auch die Improvisation. Rhythmus und Tonart lässt er dabei vom Publikum finden. Die Konzertbesucher singen so lange Töne, bis man sich auf eine Tonhöhe geeinigt hat, die dann zum Grundton der Improvisation dient.

So schnell wie Wendt redet, so rasant gleiten seine Finger über die Tasten. „Virtuosität liegt mir“, sagt er, als wolle er sich für sein Talent entschuldigen. So hat er auch eines der schwersten Stücke der Klavierliteratur, die „Carmen-Fantasie“ von Vladimir Horowitz im Programm. Aber er spielt auch Werke des Jazz-Tastenakrobaten Art Tatum mit traumwandlerischer Leichtigkeit.

Natürlich gründet so viel Können auf einer soliden Ausbildung. „Mein Vater hat verlangt, dass ich diesen so schwierigen Beruf von der Pike auf lerne“, sagt er. „Ich habe die Etüden von Alfred Cortot geübt bis mir die Tränen herunterliefen.“

Mit vier Jahren hat der Sohn einer Opernsängerin und eines Arztes mit dem Klavierspiel begonnen. Von Anfang an allerdings ging er mit dem Ins-trument äußerst kreativ um, improvisierte und komponierte so geistreich, dass seine Mutter mit dem Notenpapier herbeieilte, um seine Einfälle zu notieren.

Schon bald jammte er regelmäßig in einer Hamburger Kneipe, begegnete dort Stars wie Otto Walkes und Joe Cocker, der ihn, als er kaum Anfang zwanzig war, auf einer Tournee mitnahm. Für Wendt war das der Durchbruch, er spürte, dass er allein mit seinem Klavier, den Saal zum Toben bringen konnte.

Heute ist Wendt, dieser Musikaußenseiter, dieser Entertainer an den schwarz-weißen Tasten, der vielleicht erfolgreichste deutsche Pianist. Er hat Filmmusik geschrieben für Otto Walkes „Sieben Zwerge“, ein Kinderbuch herausgebracht und Musik für Big Band komponiert. Am liebsten aber steht er auf der Bühne und bringt das Publikum zur Raserei. Sein Konzert sei das „wahrscheinlich unterhaltsamste Klavierkonzert der Welt“, sagt er ganz unbescheiden.

 

Joja Wendt spielt am 31. Oktober, 20 Uhr, im Ingolstädter Festsaal.