Mittwoch, 30.05.2012 |

 

26.09.2010 21:58 Uhr | 207x gelesen
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Vier Talente an den Tasten


Bild: Vier Talente an den Tasten . Ingolstadt Ingolstadt (DK) Der seit 1964 bestehende, vom Ehepaar Elin und Dr. Wilhelm Reissmüller ausgeschriebene Musikwettbewerb Junge Künstler fand in diesem Jahr für Pianisten statt – und auf besonders hohem Niveau. Zwei Damen und zwei Herren, alle zwischen 26 und 28 Jahre alt, bewarben sich mit je einem modernen Werk und vornehmlich romantischen oder impressionistischen Stücken um den mit 2 500 Euro dotierten Musikförderpreis des Konzertvereins. Dabei gab man als Visitenkarte Chopin den Vorzug; seine f-Moll-Ballade tauchte sogar zweimal auf.

Ingolstadt (DK) Der seit 1964 bestehende, vom Ehepaar Elin und Dr. Wilhelm Reissmüller ausgeschriebene Musikwettbewerb Junge Künstler fand in diesem Jahr für Pianisten statt – und auf besonders hohem Niveau. Zwei Damen und zwei Herren, alle zwischen 26 und 28 Jahre alt, bewarben sich mit je einem modernen Werk und vornehmlich romantischen oder impressionistischen Stücken um den mit 2 500 Euro dotierten Musikförderpreis des Konzertvereins. Dabei gab man als Visitenkarte Chopin den Vorzug; seine f-Moll-Ballade tauchte sogar zweimal auf.


Ingolstadt: Vier Talente an den Tasten
Er setzte sich schließlich durch: Konstantin Semilakovs. - Foto: Schaffe
Den Anfang machte der in Berlin geborene Sven Witzemann, der Schuberts gespenstisches spätes Klavierstück in es-Moll mit erstaunlicher Reife und fein abgestufter Dynamik zum Blühen brachte. Sofort wurde klar, dass hier ein selbstsicherer, ausgereifter Künstler spielt. Chopins beliebteste Ballade spielte er dann zwar makellos, aber doch ein wenig pauschal. Sensationell dagegen zeigte sich Witzemanns Spiel in András Hamarys genialischer Etüde "Zeichen", wo er Modernität, Architektur und lockere, höchst vollkommene Spieltechnik mit dem hintergründigen Witz des in circensischer Motorik komponierten Husarenritts herrlich zu verbinden wusste. Auch Ravels "Alborada del grazioso" gelang auf höchstem Niveau.
 

Nach ihm der in Riga geborene Konstantin Semilakovs, der Witzemann in nichts nachstand. Beethovens "Andante favori" war in allen Facetten fein durchgehört und zeigte sofort, über welch große Anschlagskultur dieser junge Künstler verfügt. Strawinskys Tango, ein Werk voller thematischer, rhythmischer und harmonischer Finessen, die alle nur zur Geltung kommen, wenn sie nicht explizit "herausgestellt" werden, meisterte Semilakovs mit Klangsinnlichkeit und einer geradezu transzendentalen Diskretion hintergründiger Erzählkunst. Wie er dann noch Maurice Ravels berühmtes Orchesterstück "La Valse" auf dem Klavier zu "instrumentieren" verstand, mit höchster Virtuosität diese meist auf zwei Klavieren gespielte Transkription zum Ausbruch brachte, war schlicht sensationell.

Nach der Pause kam die Zeit der Damen. Zwei Japanerinnen hatten sich beworben. Die in Düsseldorf geborene Julia Ito schlug ganz neue Töne an. Ihre Pianistik spielt sich im Bereich feinster Schattierungen ab. Ihr Spiel verkörpert, was man sich unter "Anschlag" vorstellt und wünscht: Zarteste Valeurs wechseln mit aufblühenden diskreten Crescendi ab, selbst im vierfachen pianissimo kann Julia Ito noch schnelles Laufwerk bewältigen. Ihre Interpretation von Toru Takemitzus "Les yeux clos" geriet zu einer kongenialen pianistischen Umsetzung. Ihre Farbpalette allein innerhalb des Pianoraumes scheint unerschöpflich. Dies kam auch Chopins an diesem Abend zum zweiten Mal dargebotener Ballade zugute.

Sachiko Iritani, in Osaka geboren, spielte als Letze. Sie lässt nichts Irdisches vermissen, packt zu, spielt hochgradig virtuos, doch auch beherrscht. Ihr Schubert Impromptu in f-Moll aus Opus 142 litt ein wenig unter dem langen Warten auf den Auftritt, war aber von klassischer Schönheit und Natürlichkeit. Sachiko Iritani weiß, dass Chopin ihr liegt und so hat sie gleich zwei seiner Werke ausgewählt: die Ballade F-Dur und das Scherzo E-Dur. Sie spielt Chopin natürlich, in großen Bögen angelegt, technisch makellos und mit hoher Musikalität, was insbesondere das Scherzo zu einem Erlebnis machte. Ihr Chopin zeigte all das, was den beiden Chopin-Interpreten vor ihr vielleicht noch fehlt.

An diesem Abend hatte die Jury es also besonders schwer. Am Ende verlieh sie den Preis an Semilakovs, dessen pianistische Individualität ihr am deutlichsten ausgeprägt schien und dessen sensationelle Virtuosität in Ravels "La Valse" ihn heute schon in eine Reihe mit großen Kollegen stellt. Zusätzlich verlieh die Jury einen Sonderpreis für die beste Interpretation eines modernen Werkes an Julia Ito. Der Publikumspreis ging an Sachiko Iritani.


Von Sandra Hummel

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