Warum sonst fragen sich die Nachfahren jener sieben Reiterstämme, die um 1000 unter dem Magyaren-Fürsten Arpads ihr Reich gründeten, sich zum Christentum bekehrten, unter fremde Herrschaft gelangten, wieder frei und unabhängig wurden, auch im 21. Jahrhundert, wo ihr Platz ist, wer sie sind? Warum sonst schwankt der Boden unter Freunden, bekriegen sich Gleichgesinnte, sodass der Alltag qualvoll auf ihnen lastet? „Das zehnte Gen schwirrt im Kopf wie eine böse Wespe“, sagt der Protagonist, Theaterleiter Vince Weiss (Vince Zrinyi Gál) zu Beginn .

Dieses Auf und Ab verlegt das junge Theaterensemble KOMA in ein Bühnenbild aus weiß gestrichenen Kletterstrebenwänden. Ein schmaler Laufsteg im oberen Teil ist die Bühne, auf der jenes Theaterstück angespielt wird, für das Theaterleiter Vince Weiss Fördergelder braucht. An eine Stiftung muss er sich wenden, deren Direktor kritisches Theater kritisch sieht und mit einer lässigen Handbewegung das auf Video aufgezeichnete Stück schnell vor und zurück laufen lässt. Atemberaubend, wie die Schauspieler sich vor und zurück bewegen. Sie spielen nicht das Video, sie sind es im schnellen Lauf.

Bevor er mit der Regierung kollaboriere, „entlasse ich lieber meine Schauspieler“, zeigt sich Vince Weiss trotzig gegenüber seiner Freundin Iris (Bea Lass). Die versteht das nicht, mahnt zur Vernunft, obwohl sie selbst ihre Kunstwerke verschenkt statt sie zu verkaufen. Überhaupt diese Freundin! Ihr Name erinnert an die Regenbogenhaut des Auges und an die Blumenart, die in vielen Farben leuchtet. Immer auf der Suche nach „dem Richtigen“, nie in einer Beziehung ankommend, stürzt sie ihren Freund in die Krise. So schillernd wie die Farben des Regenbogens ist sie. Farben bestimmen die Menschen: der schwarz Maskierte ist der bedrohliche Ritter des zehnten Gens, Iris erwartet sehnsüchtig einen „Braun“, Vince heiß „Weiss“, ist so gekleidet. Die aktuelle Situation Ungarns wird gespiegelt an seinen Mythen, Selbst- und Fremdbildern.

Da brennt der Wald, Tiere sind mechanische Kunstwerke, die versteigert werden, und mehr. Der Puli, der ungarische Hirtenhund, einst von den Ur-Ungarn vor tausend Jahren aus Vorderasien mitgebracht, dessen Züchtung während der Habsburger-Monarchie verboten war, sitzt beständig in einer Ecke. Ein Land und seine Menschen auf der Suche nach sich selbst, im Kampf um das alltägliche Leben gegen einander, wieder miteinander. Da unterbrechen Radioansagen mit Politparolen die Unterhaltung der Künstler, bringen sie auf Trab.

So fallen, klettern, tanzen, lachen, schreien und singen die Schauspieler die Sprossenwand rauf und runter für ihre Identität als Künstler, als Individuum, als Ungarn. Begleitet vom Musiktrio (Albert Márkos, Hunor G. Szabó, Ákos Zságer-Varga), das den 70-minütigen Einblick in Ungarns Kulturszene – mit eingeblendetem Text auf Deutsch – noch beklemmender macht.