Mittwoch, 30.05.2012 |

 

13.03.2011 20:24 Uhr | 49x gelesen
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Seele des Tango


Bild: Seele des Tango . Ingolstadt Ingolstadt (DK) Der Tango hat eine erstaunliche Karriere hinter sich: Geboren in zwielichtiger Halbwelt, in den Schenken, Spielhöllen und Bordellen von Buenos Aires, applaudiert ihm nun ein kultiviertes Publikum, das gerade noch gepflegter Kammermusik lauschte und am Prosecco nippte.

Ingolstadt (DK) Der Tango hat eine erstaunliche Karriere hinter sich: Geboren in zwielichtiger Halbwelt, in den Schenken, Spielhöllen und Bordellen von Buenos Aires, applaudiert ihm nun ein kultiviertes Publikum, das gerade noch gepflegter Kammermusik lauschte und am Prosecco nippte.


Ingolstadt: Seele des Tango
Hommage an Astor Piazzolla: Lothar Hensel, der Meister am Bandoneon, und das Art Ensemble Hannover im Festsaal Ingolstadt widmeten den Abend dem Meister des Tango. - Foto: Rössle
Verantwortlich dafür ist vor allem Astor Piazzolla (1921–1992), der den erst anrüchigen, dann modischen Tanz zum Gegenstand klassisch ausgefeilter Kompositionen machte. Das hat zunächst weder den Klassik- noch Tangopuristen gefallen, nun aber sind sie aller Orten zu hören, im Radio, in allen möglichen Arrangements. Nur dem Bandoneon, Piazzollas ureigenstem Instrument, begegnete man auf der Bühne eher selten.

Der Konzertverein bot nun, pünktlich zu des Meisters 90. Geburtstag die Gelegenheit, dieses Instrument, das gewissermaßen als "Seele des Tango" gilt, live zu erleben. Und zwar bedient von einem der wenigen großen Bandoneón-Solisten Europas: Lothar Hensel. Noch bescheiden im Hintergrund wirkte er in Dvoráks Fünf Bagatellen op. 47, mischte leise, sanft schwellende Liegeklänge in das das leichte Geflecht der Streicher. Das originale Harmonium war damit natürlich weit besser ersetzt als das oft dafür verwendete Klavier, und der Klang der Bagatellen erhielt wieder das gewisse Etwas zurück. Wie hingetupft mit feinem Pinsel musizierten die Violinistinnen und die Cellistin des Arte Ensemble diese reizenden Stückchen, höchst sensibel artikulierend und hellhörig sich belauschend.

Überhaupt: Die Hannoveraner verfügen über eine erlesene, organisch gewirkte Spielkultur, die Dvoráks Musik wunderbar zum Blühen bringt. Das zahlte sich vor allem im Streichquintett op. 77 aus, dessen Besetzung mit Kontrabass einen weiten Tonraum aufspannt, ohne die kammermusikalische Faktur aufzugeben. Im Gedanken an das berühmte Kritikerwort von Dvoráks "himmlischer Natürlichkeit" konnte man das Klangbild mit einer Frühlingswiese assoziieren, die im wechselnden Licht ihre Farben zeigt, je nachdem wie die Wolken ziehen und die Schatten fallen.

Nach der Pause dann der große Auftritt des Bandoneons. Gemächlich ruht es auf den Knien des Spielers, und wenn es atmet und singt, müssen diese den Bewegungen der faltbaren Lunge folgen – schon dieser enge Kontakt von Mensch und Instrument hat etwas von einem Tanz. Lothar Hensel zelebriert ihn streng und konzentriert, bedächtig holt er die Töne aus der Tastatur, wie ein Erzähler, der um den Ernst seiner Geschichte weiß, die Worte wählt. Es geht um nächtliche Empfindungen, Stimmungen im Zwielicht zwischen Tag und Traum: "Five Tango Sensations" für Bandoneon und Streichquintett, ein Spätwerk Piazzollas.

Zuerst zieht Hensel nur einen dünnen, gläsernen Faden aus dem Instrument, dann steigen die Töne auf und formen sich zur Melodie. Dargestellt ist das "Einschlafen", aber es ist eine traurige, fast zerbrechliche Musik. Lieben, Beklemmung, Aufwachen, Furcht: Bei alledem zeigt der Tango seine melancholische Seite, seine Fähigkeit, auch untergründige Gefühle auszudrücken. Hensel spielt verhalten, aber mit suggestiver Kraft und packender Expressivität, und das Arte Ensemble nimmt den besonderen Tonfall großartig auf.

Aber auch solistisch produziert der schwarz-silberne, lang auffaltende Kasten große Kunst: Das demonstriert Hensel mit einem zierlich und launisch über den Rhythmus hinwegtanzenden Tango von Eduardo Arolas (1892–1924), dem "Tiger des Bandoneons". Damit bot dieses wirklich ganz besondere Konzert auch einen Blick zurück in die Glanzzeit des Tango, als noch ein wenig Zwielicht um ihn war. Langer Applaus im Festsaal.


Von Jörg Handstein

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