Ingolstadt: Radikal empfindsam
Die ungeschönte Wahrheit hinter den Noten: Isabelle Faust und Andreas Staier im Ingolstädter Festsaal. - Foto: Schaffer
Ingolstadt

Tatsächlich scheinen Faust und Staier sich an diese Überlegungen zu halten. Es ist fast ein Wunder, was die Geigerin aus ihrer Stradivari herausholt, wie gelassen und zurückhaltend sie das Hauptthema nehmen kann, wie sie im zweiten Thema eine völlig unprätentiöse, vibrierende Süße in ihren sehr leisen Ton zu legen vermag. Wie sie ihre Geige dunkel klingen lassen kann.

Aber die beiden Musiker nehmen beschwingte Tempi in allen Sätzen, vermeiden ein anderes Brahms-Klischee: dass seine Werke langsam und schwerblütig gespielt werden müssen. So bekommt diese Musik in dieser Interpretation etwas verblüffend Musikantisches, Schwingendes. Gerade der zweite Satz geht sogar ziemlich stürmisch und kontrastreich über die Bühne. Dennoch ist es erstaunlich, dass diese beiden Künstler, die sich in den vergangenen Jahren so stark für Aufführungen im Originalklang eingesetzt haben, sich jetzt so munter über die Vorgaben von Brahms hinwegsetzen. Aber vielleicht ist das alles eine Frage der Interpretation, der Art und Weise, wie man sein Instrument spielt. Und da sind Fausts technische Möglichkeiten fast unbegrenzt.

Isabelle Faust gehört zu den ungewöhnlichsten Geigerinnen unserer Zeit. Ihr Ton, ihre Darstellungen fallen manchmal vollständig aus dem Rahmen, weil sie scheinbar alles anders macht. Wo (besonders) die großen Geiger der Vergangenheit mit voluminösem, glattem Ton imponierten und mit sämigem Vibrato alle Unebenheiten der Musik wegpolierten, konzentriert Faust sich genau auf das Gegenteil: Die große Attitüde ist ihr fremd. Vielmehr darf unter ihren Händen die Musik auch einmal ihre Brüchigkeit, ihre Verletzlichkeit und Kargheit zeigen.

Kein Stück passt zu dieser Künstlerin so stark, wie die Fantasie "Empfindungen" von Carl Philipp Emanuel Bach, obwohl sie bei dem Werk neben dem Klavier eher eine begleitende Nebenrolle spielt. Die Radikalität dieser rhapsodischen Musik mit ihren Irrläufern, Abbrüchen, extremen Ausbrüchen, ihrem plötzlichen Innehalten, vermag sie mit ihrem enormen Spektrum an Färbungen grandios darzustellen - genauso übrigens wie ihr begnadeter Klavierpartner Staier.

Ungewöhnlich wirkt bei ihr auch Ludwig van Beethovens Sonate op. 96. So brüchig, so leise, so intim kann man den Kopfsatz dieser Sonate sonst kaum je hören. Die liedhaften Melodien spielt Isabelle Faust wunderbar, aber auch unglaublich distanziert, stellenweise fast ein wenig unterkühlt. Ihr Klavierpartner Staier ist oft in der Phrasierung etwas humorvoller, eleganter als Faust mit ihrer radikal ehrlichen Haltung. Aber sie kann auch anders, kraftvoll und virtuos spielen: etwa im witzigen Scherzo der Sonate. Oder, nach der Pause, bei Robert Schumanns Spätwerk, der "Fantasie für Violine und Klavier" op. 131. Auch hier zeigt Faust wieder ihr immenses Klangfarben-Spektrum. Aber die Brüchigkeit ihres Tons ist eindeutig kein Unvermögen. Faust verfügt über eine brillante Technik. Die ungemein schweren Arpeggien, Doppelgriffe und das schnelle Passagenwerk meistert sie bravourös.

Und Isabelle Faust kann auch ihr Instrument einfach mal fast naiv singen lassen - bei den drei für Violine und Klavier bearbeiteten "Liedern ohne Worte" von Felix Mendelssohn Bartholdy. Aber selbst dann: Wenn Isabelle Faust spielt, wirken die Töne nuancenreicher, feiner. So ist vielleicht der empfindsame, feinnervig gestaltete Mozart-Satz aus der Violinsonate KV 380, den die Künstler als Zugabe geben, der eigentlich Höhepunkt des Abends.