Erinnern Sie sich an Ihre erste Begegnung mit Pinocchio?

Jochen Schölch: Als Kind wurde mir die Geschichte vorgelesen. Und ich war sofort gefangen. Heute noch faszinieren mich archaische Geschichten über das Thema Menschwerdung. Die Heiterkeit der Walt-Disney-Bearbeitung blieb mir fremd. Diese Sicht auf den Stoff – lustige kleine Abenteuerreisen einer Holzpuppe durch die Welt – konnte ich nie verstehen. Im Grunde ist „Pinocchio“ ein Buch der schwarzen Pädagogik.

 

Was hat Sie jetzt an einer Pinocchio-Inszenierung gereizt?

Schölch: Ich glaube, es war die Möglichkeit, die Geschichte der Menschwerdung, auch die verschiedenen Stationen der Heldenreise, für Erwachsene zu bearbeiten. Es gibt ja fast ausschließlich Bühnenfassungen für Kinder. Dazu kam die Chance, mit den Tiger Lillies zusammenarbeiten. Da musste ich zugreifen.

 

Was mögen Sie an der Musik der Tiger Lillies?

Schölch: Die Reduktion. Es gibt keinen Firlefanz. Nur klare Linien.

 

Gab es einen Begriff, den Sie Martyn Jacques für seine Arbeit mit auf den Weg gegeben haben?

Schölch: „Düster“ war so ein Begriff. Das trifft zwar auf alles von den Tiger Lillies zu, aber ich wollte klarstellen, dass der Reiz der Inszenierung genau darin besteht, den Pinocchio-Stoff mit dem originären, dunklen, schrägen Sound der Tiger Lillies zu kombinieren. Martyn Jacques sollte sich nicht von der vermeintlichen Kindergeschichte zu einem anderen Stil gedrängt fühlen.

 

Welche Herausforderungen barg die Erstellung einer Bühnenfassung?

Schölch: Die größte Herausforderung war der Gegensatz von Sprache und Handlung. Da ist auf der einen Seite der archaische Stoff und auf der anderen Seite die Kindersprache. Wie man damit umgeht, war eines der Hauptprobleme. Deshalb haben wir uns für eine Fassung mit wenig Sprache entschieden. Die Songtexte erzählen die Geschichte.

 

Auf welchen Aspekt der Geschichte haben Sie besonderen Wert gelegt?

Schölch: Unsere Konzeption ähnelt der „Truman Show“: Pinocchio wird zum Versuchskaninchen in einer simulierten Realität. Wenn er am Ende der Geschichte feststellt, dass mit ihm nur gespielt wurde, verliert er sein Grundvertrauen, seinen Glauben an die Welt, und Misstrauen und Zynismus entstehen. Und genau das sind ja die negativen Seiten des Erwachsenwerdens.

 

Warum haben Sie sich für ein Spiel mit Masken entschieden?

Schölch: Wir setzen Archetypenmasken ein, weil es um Archetypen geht. Das ist mit Schauspielern schwerer herzustellen. Außerdem gibt es nur eine kleine Truppe, in der jeder verschiedene Rollen übernimmt. Mir geht es um die gesellschaftliche Maske, die man trägt, die Rolle, die man spielt. Pinocchio ist die einzige Figur, die keine Maske trägt, weil er seine Rolle – eine Maske ist ja auch eine charakterliche Verhärtung – noch nicht erlebt hat. Erst mit dem Verlust seiner Unschuld verschwindet auch sein Gesicht hinter einer Maske.

 

Bei „Pinocchio“ handelt es sich um eine Kooperation zwischen drei Theatern. Worin liegen die Vorteile einer solchen Kooperation?

Schölch: Ein Vorteil liegt zunächst mal in der Bündelung der Kräfte. Ein solcher Kompositionsauftrag ist für ein Theater allein kaum zu stemmen. Und dann gibt es interessante künstlerische Begegnungen.

 

Ein Nachteil ist, dass man sich mit der Inszenierung auf unterschiedliche, auch unterschiedlich große, Bühnen wagen muss.

Schölch: Verschiedene Bühnen – auch weitaus größere Theater – sind wir vom Metropoltheater eigentlich gewohnt, weil wir oft auf Gastspielreise gehen. Wirklich schwierig ist vor allem der weitaus höhere Kommunikationsaufwand. Es muss schließlich alles abgestimmt werden.

 

Im Bühnenbildbereich arbeiten Sie mit einer Art Laterna magica, deren Zeichnungen Ihre Hauptdarstellerin Denise Matthey gefertigt hat – ein wenig inspiriert von den Arbeiten des südafrikanischen Künstlers William Kentridge.

Schölch: Das ist eine der wunderbaren Geschichten, die man im Theater bisweilen erlebt. Wir hatten für dieses Projekt einen Zeichner gesucht und im Internet ausgeschrieben. Interessanterweise hat sich unsere Hauptdarstellerin gemeldet. Keiner hatte bis dahin etwas von ihrem Talent geahnt. Ein wirklicher Glücksfall: Da Denise Matthey im Arbeitsprozess drinsteckte, wusste sie genau, was verlangt wurde. Und es stimmt: Die Zeichnungen sind inspiriert von Kentridge und seiner Düsternis, aber Denise Matthey hat einen ganz eigenen Weg gefunden.

 

Es gibt bei Ihnen kein Happy End. Was geschieht mit Geppetto und Pinocchio im Bauch des Wals?

Schölch: Am Ende steht die Desillusionierung. Pinocchio entlarvt alles als Fake, als Reality Show. Das ist ein anderer Schluss als in Collodis Original. Aber man muss wissen, dass Collodi diesen Schluss nicht schreiben wollte. „Pinocchio“ war als Fortsetzungsgeschichte in einer Wochenzeitung konzipiert. Zweimal beendete der Autor seine Geschichte – und zwar in ausweglosen Situationen. Das erste Mal wurde Pinocchio am Baum aufgehängt, das zweite Mal strandete er im Bauch des Wals. Doch die Leser erzwangen durch ihren Protest die Fortsetzung. Collodi schrieb schließlich ein Happy End – um diese Geschichte endgültig zu beenden. Aber man hat immer das Gefühl, dieses Happy End – aus der Holzpuppe wird als Belohnung für Gehorsamkeit und Fleiß ein Junge aus Fleisch und Blut – gehört nicht zur Geschichte. Ich könnte mir vorstellen, unser Schluss wäre eher in Collodis Sinne gewesen.