Denn die gibt im Grunde nicht mehr her als ein veritables Gerüst, an dem sich Ohrwurm an Ohrwurm reiht, Motown, Rhythm 'n' Blues und Rock 'n' Roll ein ungeheuer mitreißendes Tempo vorgeben und die dünne Geschichte um das Mädchen Tracy Turnblad, das in der von einem Haarspray-Produzenten gesponserten Corny-Collins-Show vom dicklichen Mauerblümchen zur Hairspray-Prinzessin mutiert, schnell vergessen machen. Selbstredend hat die Story überaus witzige Momente, anspielungsreiche Textpassagen (deutsch von Jörn Ingwersen und Heiko Wolgemuth) und wundervoll karikaturhaft überzeichnete Charaktere. Den eigenen Anspruch indes, diese moderne Cinderella-Variation mit der Rassendiskriminierung im Amerika der 60er-Jahre zu vereinen, kann das Musical "Hairspray" kaum einlösen. Denn den dafür nötigen Ernst gibt es zu keiner Sekunde her. Das Engagement für die schwarze Bevölkerung jedenfalls wirkt wie eine billige Zweitlackierung. Und selbst die Szene, in der die ganze Personage im Gefängnis sitzt, weil sie den Regeln der Rassentrennung getrotzt hat, vermittelt nur eines: gute Laune und Humor.

Aber das tut dem Genuss keinen Abbruch, den die zwar vom kompositorischen Anspruch her überschaubare, aber doch ungemein mitreißende Musik über zweieinhalb Stunden zu bieten in der Lage ist. Da bleibt kaum ein Bein ruhig im Zuschauerraum. Denn wie einer der schönsten Titel in "Hairspray" heißt: Niemand stoppt den Beat. Gepaart mit choreografischer Finesse ist der frenetische Schlussapplaus quasi gesichert.

Das war er auch in Ingolstadt. Obschon die Protagonistin Beatrice Reece ihre Rolle als Dancing-Queen Tracy im Sitzen ablieferte. Denn nach einer Knieverletzung ist sie kaum in der Lage, aufrecht zu stehen und verbringt deswegen den ganzen Abend singend und leider in hohem Maße unlogisch auf einem Stuhl am Bühnenrand. Und eine Zweitbesetzung scheint in dieser Produktion nicht vorgesehen.

Beatrice Reece machte die sich daraus ergebenden inszenatorischen Ungereimtheiten mit ihrer fulminanten Stimme schnell vergessen. Und so tanzte sie sich zwar nicht - wie eigentlich vorgesehen - durch die temporeiche Show, sang sich aber schnell in die Herzen des Publikums. Sie gewann den ersten Preis des im Stück zentralen Tanzwettbewerbes quasi im Sitzen. Schade nur, dass die Mikros der Sänger in den hohen Lagen extrem unangenehm übersteuerten. Da paarte sich die Begeisterung für die Stimmen schnell mit der Angst, die Vorstellung möglicherweise mit einem Tinnitus zu verlassen.

Und das bei diesen Stimmen. Ob nun Devi-Amanda Dahm als Penny Pingleton, Krisha Dalke als Schnulzenbaron Link Larkin oder Monica Lewis-Schmidt in der Rolle der Mothermouth Maybelle. Die Stimmen, die in dieser Produktion zu hören sind, sind in der Tat von erster Qualität.

Und von denen vermag nicht einmal das Bühnenbild abzulenken, das mit "transportfreudig" wohl am treffendsten beschrieben ist. Aber das ist nun mal der Preis, den das fahrende Theatervolk zugunsten uneingeschränkter Reisefreundlichkeit zu zahlen hat. Die Bauten und die teilweise miserable Tonqualität jedoch sind die einzigen beiden Wermutstropfen in der ansonsten bemerkenswert choreografierten und charmant inszenierten Produktion, die übrigens Liebhabern der politisch korrekten Sprache nicht unbedingt zu empfehlen ist. Denn so oft, wie an diesem Abend das Wort "Neger" fällt, könnten die sich eines entrüsteten Raunens kaum erwehren.

Verdient opulenter Applaus nach kurzweiligen zweieinhalb Stunden gediegener Unterhaltung, pulsierender Musik (am Dirigentenpult Heiko Lippmann) und einer erstaunlich geschlossenen schauspielerischen Qualitätsarbeit. Wie hätte es Kaiser Franz Joseph gesagt: "Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut."

Weiterer Termin am 4. Dezember um 19.30 Uhr. Weitere Infos und Karten unter www.theater.ingolstadt.de.