Ingolstadt: Musik in Bewegung
Stühle für die Musiker brauchte es diesmal nicht auf der Bühne des Ingolstädter Festsaals. Markenzeichen des Quintetts ist die inszenierte Ausdeutung der Musik durch choreografische Elemente. - Foto: Schaffer
Ingolstadt

Dann betritt das Carion-Quintett aus Dänemark die Bühne und vertreibt die gähnende Leere. Das Bläserensemble hält sich nicht lange mit Vorbereitungen auf und beginnt sofort zu spielen. Auch das Rätsel des Klavierhockers ist schon gelöst: Er dient Flötistin Dóra Seres als gepolsterte Ablagefläche für wahlweise Piccolo oder Querflöte. Kein Stuhl, kein Notenständer ist ansonsten zu sehen. Das Ensemble spielt im Stehen, und es spielt auswendig.

Das erste Stück sind die Sechs Bagatellen für Bläserquintett von György Ligeti. Sie sind elf Klavierstücken entnommen, die Ligeti zwischen 1951 und 1953, stilistisch stark an Bartok und Strawinsky angelehnt, komponiert hatte. Die Bearbeitung für Bläserquintett, die Ligeti selbst vorgenommen hat, kommt Carion in besonderer Weise entgegen. Eine Spezialität des Ensembles ist es, die Partituren zu choreografieren und so zu verbildlichen. Und so ist die Bühne nicht nur von Musik, sondern auch von Bewegung erfüllt. Ob eine Sequenz unter den einzelnen Bläser weitergereicht wird, ob beispielsweise Klarinette (Egils Å efers) und Horn (David M.A.P. Palmquist) unisono spielen, das Fagott (Nils Anders Vedsten Larsen) und die Oboe (Egils Upatnieks) sich die musikalischen "Bälle" zuwerfen - das alles findet eine optische Umsetzung auf der Bühne.

Den Mephisto Walzer Nr. 1, von Franz Liszt für Klavier komponiert, hat Hornist Palmquist für sein Quintett umarrangiert. Die Bearbeitung ist ausgesprochen gelungen und profitiert von den erweiterten Ausdrucksmöglichkeiten, die das Bläserquintett hat. Crescendi/Decrescendi halten das Stück in wogender Bewegung. Drei Stücke von Dmitri Schostakowitsch hat Palmquist ebenfalls für das Quintett neu arrangiert und sie zu einer imaginären "Schauspielsuite" zusammengeführt. Dabei funktioniert der "Tahiti Trot" nach dem Youmans-Song "Tea for Two" in dieser Form eher nicht. Hier fehlt es an "Masse", an Wucht, die für die Dynamik von Schostakowitsch-Werken unerlässlich ist. Stattdessen erklingt der "Tahiti Trot" eher untergewichtig, spieluhrenhaft.

Ludwig van Beethovens Oktett für Bläser Es-Dur, op. 103, ebenfalls von Palmquist zum Quintett umgearbeitet, lässt die drei fehlenden Instrumente nicht vermissen. Im Gegenteil: Es entsteht Leichtigkeit, Transparenz, auch wenn sich kleinere Spielfehler häufen. Augenfällig ist hier, dass die optische, spielerische Umsetzung fast ausbleibt, was nicht zuletzt der Komplexität dieser Beethoven-Komposition geschuldet sein mag. Eine weitere Liszt Bearbeitung, Grandes études de Paganini, Nr. 6 a-Moll, erklingt zum Konzertende: wirbelnd, virtuos, an der Grenze zum spielerisch Machbaren operierend. Dieses wird, wie die übrigen Stücke des Abends, zudem erfrischend humorvoll und dem Publikum gegenüber im besten Sinne "distanzlos" präsentiert.